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Kommentar

Kommentar vom 05.11.2013

Weihnachtszeit – Spendenzeit. Gute Tat oder moderner Ablasshandel? - Der Reformationstag ist vorbei. Ich weiß nicht, wer am letzten Donnerstag an Luther gedacht hat, an seine Thesen und an seine Wut gegen den Ablasshandel. Die meisten haben wohl eher den freien Tag genossen. Auf jeden Fall hat der Ablasshandel nicht nur zur Kirchenspaltung geführt, er hat vorher auch noch den Petersdom finanziert. Im Grund ging es darum, dass man sich von der Strafe für seine Sünden freikaufen konnte, wenn man der Kirche Geld dafür gab. Eigentlich sollten es Almosen sein für die Armen. Aber das kennt man ja. Auch heute verbauen Bischöfe goldene Türklinken in ihren Häusern. Die Kirche ist nicht gerade für ihre Bescheidenheit bekannt. Und obwohl tausende gestorben sind – für oder gegen die Reformation - obwohl der Ablasshandel 1567 von der Kirche streng verboten wurde – er ist wieder da! Und das gerade jetzt in der Vor-Weihnachtszeit. Egal, ob in der Kirche, im Fernsehen, in der Post – überall gibt es Spendenaufrufe. Spendenmarathon, Spendengala, Spendensammlung und was noch alles. Und die Leute zahlen. Jedes Jahr sind es mehr Millionen, die zusammen kommen. Und natürlich ist das auch wichtig. Psychologen haben heraus gefunden, dass gerade jetzt das Meiste zu holen ist von uns. Und natürlich geht das Geld an wirklich wichtige Projekte. Am Ende hilft jeder Cent. Nur – warum spenden vor Weihnachten so viele Leute Geld, die das sonst nie tun? Das Lexikon bringt mich auf die Spur. Ich hatte Ablasshandel nachgeschlagen und da wurde mir erklärt: „Ablasshandel ist ein aus der katholischen Kirche stammender Begriff und bedeutet, dass Sünden auf Grund von guten Werken wie etwa Gebeten oder Almosen erlassen werden.“ Ist die Erklärung wirklich so einfach? Wollen wir uns freikaufen von der Strafe für die Sünden des ganzen Jahres? Wollen wir ohne Vorstrafen ins Neue Jahr starten? Ich denke, dem Unterbewusstsein wäre so etwas zuzutrauen. Und irgendwie ist eine Spende auch einfacher, als einen einsamen Menschen an Heiligabend einzuladen. Oder als Sylvester im Altersheim zu helfen, wenn die Bewohner bei der Knallerei wieder an den Krieg erinnert werden. Oder gar, wie es viele bewundernswerte Menschen tun, den Jahresurlaub damit zu verbringen, Kranke in den Slums von Rio oder Kenia zu heilen. Da hat so eine online-Überweisung schon echte Vorteile. Und wenn der Effekt am Ende der gleiche ist …
Ich wollte es dieses Jahr besser machen und mit der Kleinen wenigstens Pakete packen. Zu klein gewordene Kleider, Bücher, die sie schon auswendig kann, eine Puppe vielleicht. Dazu noch ein paar Stifte kaufen und Süßigkeiten, ein Bild malen für das beschenkte Kind und ein Foto dazu, alles hübsch dekorieren und zur Annahmestelle von Weihnachten-im Schuhkarton bringen. Es wäre so schön gewesen. Aber die Kirche macht mir sogar meine guten Taten kaputt. Das Kind kam aus der Kita, brachte einen Flyer mit und freute sich schon darauf, ihre schönste Puppe auszusuchen für das fremde Kind, das gar keine hat. Ich nahm also den Flyer. Und siehe da: das dürfen wir nicht. Das verletzt die Würde der beschenkten Kinder. Wir müssen alles neu kaufen, eine Einkaufsliste liegt auch gleich bei. Und dann müssen wir der kirchlichen Organisation auch noch 6 Euro geben, um den Karton packen zu dürfen. Wie soll ich das einem Kind erklären, das gelernt hat, wie schön persönliche Geschenke sind. Das am liebsten die Bücher von der großen Schwester liest und kaum erwarten kann, dass die Klamotten von den Kindern meiner Freundin ihr endlich passen?
Verstehen sie mich nicht falsch: Ich will keinen vom Spenden abhalten. Aber spenden sie von Herzen. Denken sie nach, bevor sie einfach Geld überweisen. Und vor allem – entscheiden sie klug, welcher Organisation sie ihre Spenden anvertrauen. Und wenn man erstmal anfängt mit dem Nachdenken, passieren manchmal komische Sachen. Vielleicht lädt jemand an Heiligabend doch die Nachbarin ein, die alleine ist, weil die Kinder so weit weg wohnen. Und vielleicht geht man dann auch im neuen Jahr so mit seinem Leben um, dass man am Ende gar keinen Ablass mehr braucht? Und dann kann man auch aus den richtigen Grtünden spenden.

(Grit Hasselmann)

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