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Kommentar

Kommentar vom 12.11.2013

Stille Post oder die Gerüchteküche brodelt - Eigentlich ist es ganz leicht. Ich habe mit jemandem ein Problem. Dann suche ich mir jemanden, der gerne tratscht, und erzähle dem irgendetwas über diese Person. Das muss noch nicht mal etwas besonders schlimmes sein. Es reicht schon, wenn es merkwürdig ist. Oder ich behaupte, die Person habe dies oder das gesagt.
Das Ganze verbreitet sich in Windeseile. Dabei wird es natürlich, wie bei der Stillen Post aus Kindertagen, entstellt. Üblicherweise spricht keiner die betreffende Person darauf an. Die merkt nur, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie kann aber gar nichts tun. Egal, ob man auf dem Dorf wohnt oder in der Stadt – überall gibt es die Gerüchteküche. Und sie brodelt. Sicher, man kann sagen: „Mir macht das nichts aus. Ich warte, bis es vorbei geht oder bis der nächste Thema ist.“ Aber, mal ehrlich, bei wem stimmt das schon? Wer hat so ein dickes Fell, dass ihm das nichts ausmacht? Im schlimmsten Fall kann man auf diese Weise Karrieren vernichten. Ich sprach kürzlich mit einem Journalisten, der stolz darauf war, eine Band für alle Zeiten diskreditiert zu haben. Und das nur, weil sie ihm keine Freikarten schenken wollte. Politiker sind auch immer gern Ziel solcher Attacken. Besonders im Wahlkampf. Da gab es plötzlich Plagiatvorwürfe gegen Steinmeier. Es dauerte immerhin bis nach der Bundestagswahl, sie auszuräumen. Und bei vielen Leuten ist sicher etwas hängen geblieben und hat sein Ansehen beschädigt. Jetzt ist es der Regierungssprecher. Wir werden bald sehen, was an den Gerüchten um die rechte Vergangenheit von Herrn Hahn dran ist. Aber irgendjemand wird später sicher fragen: „Hahn? War das nicht der Rechte Regierungssprecher in Thüringen?“
Oft halten die Betroffenen das nicht durch und ziehen sich von ihren Posten zurück, bevor alles aufgeklärt ist. Das wird dann als Schuld-Eingeständnis gewertet.
Besonders schlimm ist es bei Vorwürfen wie zum Beispiel Pädophilie. Es sind schon Männer zusammengeschlagen worden, obwohl sie nachweislich unschuldig waren. Das Schlimme daran ist, dass man sich nicht gegen diesen Vorwurf wehren kann, weil es so schrecklich ist, wenn jemand sich an Kindern vergeht. Und die Unschuld ist kaum zu beweisen. Aber – es fängt wie so vieles im Kleinen an. Gezielte Indiskretionen, Verleumdungen, Gerüchte. Warum haben so viele Menschen diese Werkzeuge stets griffbereit? Warum schrecken sie nicht einmal vor Lügen zurück? Vielleicht, weil es so einfach ist? Die Quelle der Diskreditierung ist fast nie zu bestimmen. Der hat es von dem, der wiederum von xy, der hörte es beim Rauchen auf dem Balkon. Dazu kommt, dass der oder die Betreffende das alles erst mitbekommt, wenn es schon viel zu spät ist, den Gerüchten entgegen zu treten. Das Lexikon bezeichnet derartiges als Rufmord. Der gute Ruf wird ruiniert. Und das geht mitunter sehr schnell. Vielleicht ist das der Grund, warum man bei manchen Parteien nur Karriere machen kann, wenn man nach 1978 geboren ist oder aus dem Westen stammt? Bei allen anderen findet sich sicher irgendein Punkt in der Vergangenheit, über den man laut und öffentlich nachdenken kann. Und der dann den Ruf ruiniert. Egal, was am Ende an Fakten heraus kommt. Und keiner kann sich davor schützen. Es kann wirklich jeden treffen. Und das ist kein Wunder. Denn mal ehrlich – wie oft haben sie, wenn jemand ihnen Gerüchte zugetragen hat, schon abgelehnt? Oder den Betroffenen in Schutz genommen? Oder gesagt: „Ich hab auf dieses Getratsche keinen Bock. Klär das doch mit xy selber. Ich will es nicht hören.“
Irgendwie lieben wir alle die Gerüchteküche. Und halten sie dadurch am Brennen. Wir machen uns zwar immer wieder darüber lustig, genießen es aber im Grunde. Und meistens ist das ja auch alles nicht so schlimm. Und genau diese Haltung macht es dann immer wieder so leicht. Klar, alle schimpfen auf die Medien, wenn mal wieder ein krasser Fall von Hexenjagd sich als unbegründet heraus stellt. Aber hier bedienen die Medien tatsächlich nur die niedern Instinkte in uns allen. Lassen Sie uns doch alle versuchen, ein wenig weniger auf Gerüchte zu geben. Ein wenig achtsamer miteinander umzugehen. Auch wenn es nicht wirklich viel hilft – ich denke, wir werden uns dann alle viel besser fühlen.

(Grit Hasselmann)

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