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Kommentar

Kommentar vom 03.11.2008

Mit Volldampf aufs Abstellgleis - Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Die Deutsche Bahn AG ist ein aufsteigendes Unternehmen. Alles steigt. Die Preise, die Gewinne, die Managergehälter, von den Boni für Vorstandsmitglieder beim (wann auch immer) geplanten Börsengang ganz zu schweigen. Gut, ein paar Nebensächlichkeiten wie Kundenzufriedenheit, Pünktlichkeit, Service oder technische Zuverlässigkeit zeigen eher fallende Tendenz, aber man kann nicht alles haben.

Die Selbstherrlichkeit des obersten Weichenstellers mag selbst verantwortlichen Politikern ein Mehdorn im Auge sein. So richtig traut sich aber niemand an die Malaise heran. Wozu auch? Die Zahlen stimmen ja. Und genau da liegt der Hase auf den Gleisen. Solange in unserer Gesellschaft den Zahlen, sprich dem Gewinn, ein höherer Stellenwert als dem Menschen eingeräumt wird, nützt alle Kritik an den Zuständen in den Zügen nichts. Von den Verantwortlichen wird sie wahrscheinlich nicht einmal verstanden. Die Bilanz stimmt, der Bürger grummelt. Dabei hat er es in der Hand, für Vorstand und Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG die Signale auf Rot zu stellen.

Erinnert sich noch jemand an den Namen „Brent Spar“? Nein? Na ja, ist ja auch schon ein Weilchen her. Die Brent Spar war eine Ölbohrinsel in der Nordsee. Der Shell-Konzern plante, die in die Jahre gekommene Plattform aus Kostengründen nicht zu verschrotten, sondern einfach zu versenken. Da schlug die Stunde von Greenpeace. Mit einer genialen PR-Kampagne wurde der Öl-Multi Shell dermassen an die Wand gedrückt, dass die Pächter ihres Tankstellennetzes an manchen Tagen nicht einmal mehr den Reservekanister ihrer vormaligen Kundschaft füllen konnten. Der Protest zeigte Wirkung, die Brent Spar wurde an die Küste geschleppt und abgewrackt.

Der Bahnkunde ist Verbraucher. Der Verbraucher in Deutschland verhält sich im allgemeinen ähnlich einem Stier, der im Schlachthof auf das Bolzenschussgerät wartet. Er hat unglaubliche Kraft, könnte den Schlächter zum Schnitzel platt walzen, nur: er weiss es nicht. Und da er um seine Macht auch nicht weiss, fügt sich daher der brave Bahnkunde mit einer fast schon rührenden Gottergebenheit in das scheinbar unvermeidliche, dass da am Fahrkartenautomat über ihn hereinbricht. Wenn der nicht gerade defekt ist.

Dabei waren die Chancen für die Korrektur einer sozialpolitischen und wirtschaftlichen Fehlentwicklung noch nie so gut wie jetzt. Die Herren in Nadelstreifen haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Ihre Reputation ist dahin, sie sind angreifbar geworden. Die politisch Verantwortlichen sind angesichts des drohend näher rückenden Superwahljahrs 2009 formbar wie Knetgummi. Wo aber bleibt die kritische Masse, die ihren Protest lautstark und demonstrativ artikuliert? Warum lernen wir nicht von unseren französischen Nachbarn? Man stelle sich vor, nur an einem einzigen Tag würden alle Bahnkunden Fahrgemeinschaften bilden. Wäre das nicht endlich mal ein Signal?

Die Bahn ist und bleibt das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Ihre Attraktivität zu vermindern, kann nicht der politische Wille des Volkes sein. Und genau hier gilt es anzusetzen: Öffentlichen Druck aufzubauen um die Verantwortlichen zum Umdenken zu bewegen. Ihnen Fragen zu stellen. Warum zum Beispiel Bahnmanager Prämien bekommen für das, wofür sie eh eingestellt sind, nämlich ihren Job ordentlich zu erledigen. Was von jedem normalen Arbeitnehmer erwartet wird, muss beim Bahnvorstand offensichtlich mit brutalem Gehaltsnachdruck erzwungen werden. Von dem der zuständige Minister erst nichts, dann ein wenig, später aber doch wusste. Stille Wasser sind bekanntlich tief, aber nichts gegen Herrn Tiefensee. In unheiliger Allianz handeln also Politik und Bahnvorstand gegen die Interessen des (noch) mobilen Bürgers. Der Bahnkunde guckt wieder einmal in die Tunnelröhre.

Und dann steht uns auch noch eine Teilprivatisierung ins Haus. Dabei ist die Bahn schon jetzt ein derart verschachteltes Unternehmen, das mehr Töchter als Ursula von der Leyen hat. DB-Netz AG, DB Schenker Logistics, DB Mobility Logistics AG und und und. Irgendwann werden die Toiletten in den Zügen wahrscheinlich auch noch unterschiedlichen Konzernzweigen angehören. Die Klobrille der 100%igen Tochtergesellschaft DB-Sit-on-Shit, die Schüssel der DB-Collect&Flow. Alles von Experten der Betriebswirtschaft durchgeplant, gewinnbringend, natürlich. Die Verlierer dieses ökonomischen Experiments (denn ein Erfolg der Teilprivatisierung und des Börsengangs ist keineswegs garantiert) werden dieselben sein, die bereits jetzt frierend am Bahnsteig stehen und sich ernsthaft Gedanken über Carsharing machen. Und die eigentlich am Zug wären.

(Michael Schlag)

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