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Tonspur

Tonspur vom 18.11.2013

Arcade Fire - Reflektor - Am 19.11. spielen die Reflektors in Berlin, und ich bin nicht dabei. So ein Bockmist. Die Karten waren ratzfatz ausverkauft, und das, wo doch angeblich niemand weiß wer dahinter steckt… Alles geplant, natürlich bekommt es jeder mit, wenn eines der meist erwarteten Alben des Jahres mit einer Schallplatte der Reflektors angekündigt wird, auf dessen Cover die Band gut zu erkennen ist. Und wenn das neue Album von Arcade Fire dann auch noch „Reflektor“ heißen soll… das war nun wirklich einfach. Wie sich ein Konzert der Reflektors von einem von Arcade Fire unterscheidet, werde ich leider nur aus Sekundärquellen erfahren können, ich war einfach zu langsam. Es bleibt für alle Besucher zu hoffen, dass die Reflektors genauso wundervoll sind wie ihr Alter Ego Arcade Fire. Die durfte ich schon zweimal live erleben und war hin und weg. Dennoch: Arcade Fire liebt man ja eigentlich auch zuerst wegen ihrer Alben. Ob eine so fetzige Marketingkampagne wie die zum neuen Album sein muss und es nicht ein wenig gemein ist, nur zwölf Journalisten weltweit Interviews zu geben, sei dahin gestellt. Der Band geht es hoffentlich weiterhin auch vor allem um die Musik.
Also Arcade Fire. Eine Band, die immer spannend war und unglaublich schwer einzuordnen. Im weitesten Sinne Pop, aber irgendwie war es stets unverständlich, wie die Songs gleichzeitig so eingängig und doch komplex sein konnten und so speziell, letztendlich aber eben doch erfolgreich. Auch wenn die meisten Arcade Fire gar nicht kennen, je nachdem, wen man fragt. Andererseits wurde „Reflektor“ eben so gespannt erwartet wie selten etwas in letzter Zeit. Weil Arcade Fire eben bisher konstant in allem überragend waren. Überragend vielschichtig, an allen Ecken und Enden konnte einen ein beunruhigender Frauenchor erwarten, ein trauriges Akkordeon, Streicher. Gesungen von Win Butler und Régine Chassagne, die beide interessant klingen, aber nicht unbedingt schön. Auf jedem der Alben gab es bisher mindestens einen unfassbaren Übersong. So „Neighborhood #3 (Power Out)“ auf dem wilden und verwunschenen „Funeral“, da hatte die Band übrigens noch einen „The“-Artikel im Namen. Dann „Intervention“ und „No Cars Go“ auf dem sakralen „Neon Bible“, und „We Used to Wait“ auf der verträumten Vorstadtdystopie „The Suburbs“.
Nun haben Arcade Fire ein neues Album, und es soll danceorientierter und elektronischer sein. Das kann einem ein wenig Angst einjagen, wenn man die warme Vielschichtigkeit von Arcade Fire schätzt und mit musikalischer Elektronik Synthetik und Seelenlosigkeit verbindet, die tendenziell leicht zu durchschauen ist. Was ich zugegebenermaßen manchmal tue. Aber: Ich will Arcade Fire auch weiterhin großartig finden. Und deshalb habe ich dem Album nach ein, zwei etwas enttäuschenden Durchgängen, in denen die Musik nur so an mir durchflutschte, eine neue Chance gegeben. Nicht nur eine, mehrere. Und dann, im Zug, mit Kopfhörern, klappte es endlich. Plötzlich mentale Abkapselung von der Außenwelt, Begeisterung und Vorfreude auf jeden nächsten Song. Ohne CD-Wechseln, denn „Reflektor“ ist physisch ja auf zwei Scheiben oder Schallplatten verteilt. Produziert hat das ganze übrigens James Murphy, früher der Mann hinter dem LCD Soundsystem. Die elektronischen Einflüsse werden damit noch besser verständlich.
Aber, das sollte erwähnt bleiben: Es sind Einflüsse, die die Musik von Arcade Fire zwar schon beeinflussen, aber eben nicht völlig verändern. Dahinter stecken immer noch Arcade Fire und damit eben genug Seele und Unberechenbarkeit, um das Ganze spannend zu halten. Aber: nicht wirklich Übersongs wie zuvor erwähnte, zumindest bisher. Doch wenn man das verkraftet hat: ein stimmiges Ganzes, das eine sehr spezielle Stimmung transportiert, hat auch was. Und so verfällt die Band auch nicht der Verlockung, lauter Disco-Smash-Hits aneinander zu reihen. Stattdessen fallen einem auch nach und nach die kleinen Details auf, für die man die Band so bewundern kann und darf sich freuen. Tempowechsel, Spannung, Beunruhigendes, Arcade Fire eben. Synthetische Geigen und ein mächtiger Schluss in „We Exist“, Régine Chassagnes träumerische Gesangsfetzen und Bläsereinsatz in „Oh Orpheus“, die wabernden Flächen in „Porno“ mit seinem weltumarmenden Schluss, Karibikrams in „Flashbulb Eyes“ und der beste Songanfang seit langem mit „Joan of Arc“. Das ist zwar alles nicht, was ich erwartet habe und, wenn wir ehrlich sind, sicher nicht, was ich mir vor Hören des Albums gewünscht hätte, aber überraschend und eben zum Glück auch überraschend gut. Songs vom Album auswählen ist schwierig, aber falsch machen kann man ja auch wiederum wenig. Bitteschön: Arcade Fire mit „Oh Orpheus (It's Never Over)“.

(Laura Eigbrecht)

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