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Kommentar

Kommentar vom 26.11.2013

Machnig und das Nachtreten - Da warens also nur noch sieben. Nach Marion Walsmann hat jetzt auch Matthias Machnig Lieberknechts Kabinett verlassen. Solange wir nicht wissen, wer ihn ersetzen soll, sind auch die Reaktionen auf seinen Rücktritt verhalten. Schade nur, dass die Nummer mit den Doppelbezügen seinen Wechsel nach Berlin überschattet. Denn das wird es am Ende sein, was von seiner Zeit in Thüringen in Erinnerung bleibt. Darüber sind sich irgendwie auch alle einig. Seine Gegner und seine Fans. Nur – sein Rücktritt wird extrem verschieden kommentiert im Netz. Die einen loben seine Verdienste, die anderen schimpfen auf sein Versagen. Aber das liegt sicher in der Natur der Sache. Und hat auch mit dem jeweiligen Blickwinkel zu tun. Nur eins finde ich immer wieder befremdlich: Auf dem Weimarer Wirtschaftsabend kürzlich war Machnig zu Gast. Die anwesenden Weimarer Wirtschaftsvertreter hatten sich fast überschlagen, jeder wollte mit dem Minister plaudern, ihm Komplimente machen, fachsimpeln. Im Idealfall mit ihm anstoßen, ihm so zu sagen symbolisch auf die Schulter klopfen. Die Beobachterin hörte nur Gutes, Superlative quasi. Was der Herr Machnig alles bewegt habe in Thüringen, wie groß sein Fachwissen sei, wie unprätentiös er daher komme. Und heute? Die gleichen Leute schimpfen plötzlich wie die Rohrspatzen. Teilweise bewegen sie sich an der Grenze zur Beleidigung des Ex-Ministers. Von einer „Heimsuchung Thüringer Wirtschaftspolitik“ ist die Rede, Machnig habe hunderte Thüringer Firmen in Existenznöte gestürzt.
Aber wo waren diese Töne, als der Mann noch in Amt und Würden war, als er noch Macht hatte? Es gab immer auch Leute, die sich mit dem Minister gestritten, ihn kritisiert hatten. Es hat auch meistens Spaß gemacht, sich mit Machnig auseinander zu setzen. Aber jetzt geht es ums Verabschieden. Mit Respekt jemanden verabschieden können aber wohl nur diejenigen, die ihn schon vorher mit Respekt offen kritisiert hatten. Sich bei jemandem einschmeicheln, ihm nach dem Munde reden, sich andienen so lange er Macht hat und hinterhertreten wenn er die dann verliert, das ist schäbig. Das hat für mich wenig mit Rückrat zu tun. Sowohl politisch als auch menschlich ist das ziemlich daneben. Aber warum machen Menschen das? Es scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein. Zwar bringen Eltern ihren Kindern bei, keinen zu treten, der am Boden liegt. Aber die Botschaft kommt irgendwie nicht bei allen an. Oder der Mensch vergisst sie im Lauf der Zeit. Nur – warum? Wo liegt der Reiz des „Nachtretens“. Welche Befriedigung zieht man daraus? Wo ist der Mehrwert?
Eigentlich kommt der Begriff aus dem Fußball. Dort hat er zwei Bedeutungen. Einmal die Tätlichkeit gegen einen Spieler, der nach einem Foul am Boden liegt, zum anderen den zweiten Schuss aufs Tor, wenn der Torwart den Ball nur abwehren, aber nicht fangen konnte.
Im erweiterten Sinn wird als Nachtreten ein Angriff auf einen Gegner verstanden, der nicht mehr verteidigungsfähig ist oder dem die Argumente ausgehen. Das wird allgemein als unfair angesehen und verurteilt. Und trotzdem sieht man es immer wieder. Egal, ob Politiker, Sportler oder normale Menschen – im allgemeinen finden sie das Nachtreten schrecklich, im Einzelfall tun sie es ohne jeden Skrupel. Doppelmoral? Ich denke nicht. Ich denke, der Anblick eines Gegners der am Boden liegt, erst recht, wenn es ein starker Gegner war, provoziert dieses Verhalten. Man vergisst die so genannte „gute Erziehung“, man vergisst, was man über Moral und Fairness gelernt hat. Das einzige, was in dieser Situation bleibt, sind die Instinkte. Und erst recht, wenn die Anonymität der Gruppe oder die des Internet dazu kommt, tritt man nach. Sei es Rache für die vielen verlorenen Scharmützel, sei es Hähme dem gegenüber, der aus großer Höhe fällt. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass man sich gut fühlt danach. Und zum Glück gibt es im Netz genug Kommentare, die mir das bestätigen. Und zum Glück gibt es Leute, die dem, der am Boden liegt, beim Aufstehen helfen. Egal, ob sie ihn mögen oder nicht.
Einfach nur, weil Menschen sich so verhalten sollten.


(Grit Hasselmann)

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