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Kommentar

Kommentar vom 10.12.2013

Helden ehrt man nur posthum - Sicher. Man soll über Tote nichts Schlechtes sagen. Aber müssen sich die Politiker in aller Welt jetzt so überschlagen? Von hymnischen Ehrerweisungen spricht Konstantin Wecker. Manche mögen es sogar ehrlich meinen. Aber was nützt es, Nelson Mandela zu loben, wenn man seine Botschaft nicht ernst nimmt? Schon Lessing sagte zu diesem Thema über das Verhältnis von Loben und Ernstnehmen: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? – Nein! Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“ Bei der Recherche über Mandela fand ich die letzten großen Artikel 2008 zu seinem 90. Geburtstag. Seit seinem Rücktritt als Präsident Südafrikas ließ das Interesse für den Mann deutlich nach. Selbst die, die jahrzehntelang um seine Freilassung gekämpft hatten, kamen mit dem „realen“ Nelson Mandela nicht so gut klar.
Zum einen, weil echte Menschen ja auch Fehler machen, schließlich gibt es keine Ausbildung zum Präsidenten. Zum anderen, weil Mandelas Privatleben plötzlich auch öffentlich war. Viele waren nämlich regelrecht sauer, als er sich von seiner Frau Winnie scheiden ließ, ohne die er wahrscheinlich nie freigekommen wäre. Sie hatte immer wieder den Kampf angekurbelt, wenn die Kräfte nachließen. Hier im Osten wurde sein Kampf gegen Rassismus, für Freiheit immer unterstützt. Ganze Schulklassen malten Bilder, es gab immer wieder Solidaritätskundgebungen. Vor allem, als er den Deal ausschlug freizukommen, wenn er seinen Kampf aufgibt, wurde er zum Helden.
In anderen Teilen der Welt sah das anders aus: Die USA setzten ihn 1988 für seinen Kampf gegen das Apartheid-Regime als „Terrorist“ auf eine Watch List. Auch Margaret Thatcher nannte ihn einen „Terroristen“. Im gleichen Jahr war der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß Ehrengast von Außenminister Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei "unverantwortlich" und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit "nicht wünschenswert", sagte Strauß damals. Einer Freundin wurde damals verboten, in der Schule ihren „Free-Nelson-Mandela“-Sticker zu tragen. Natürlich ist es beeindruckend, wie groß die Anteilnahme am Tod Nelson Mandelas ist. Er hat es verdient. Vielleicht war seine größte Leistung das Verzeihen. Nach jahrzehntelanger Haft hat er seinen alten Gegnern die Hand gegeben und sich demokratischen Wahlen gestellt. Wenn Nelson Mandela seinen Widersachern nicht verziehen hätte, gäbe es jetzt wahrscheinlich einen Bürgerkrieg mehr auf der Welt. Nelson Mandela zu ehren oder zu bewundern ist gut und richtig. Aber das reicht nicht. Zu versuchen, selber aufrecht zu sein, mutig für seine Ideale einzustehen – das wäre um ein vielfaches wichtiger. Und das gilt nicht nur für Politiker.
Nur, wenn man jemanden auf einen Sockel stellt, funktioniert das nicht. Der Held wird da oben unerreichbar. Und wenn man seine Blumen dann niedergelegt hat am Fuß des Denkmals, kehrt man in seinen kleinen Alltag zurück. Dabei gibt es dort genug Ungerechtigkeiten, gegen die man angehen könnte. Wie kann man guten Gewissens um Nelson Mandela trauern und sich an ihn erinnern, wenn man seine Lebensthemen, die Gleichheit der Rassen und das friedliche Zusammenleben mit Füßen tritt, indem man Flüchtlinge abweist, Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert oder den Waffenexport nicht eindämmt, sondern ankurbelt? Mich macht diese Heuchelei traurig. Das hat Nelson Mandela nicht verdient.

(Grit Hasselmann)

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