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Theaterkritik

Theaterkritik vom 17.02.2014

Kabale und Liebe im DNT - Luise und Ferdinand - Ferdinand und Luise, es könnte so schön sein. Wenn da nicht die Väter wären. Denn weder Bürgersvater Miller (Sebastian Nakajew) noch der herzögliche Präsident von Walter (Ingolf Müller- Beck) können sich mit der Zusammenkunft ihrer Kinder abfinden. Deren Zerstörung ist demnach vorherbestimmt. Der Präsident und sein Diener Wurm (Tobias Schormann) spinnen einen Plan; Mittelsmänner sind die Lady Millford (Nadja Robiné) und der Hofmarschall von Kalb (Fridolin Sandmeyer), die Geisel Luises Vater, das Opfer die Liebe des Sohnes. Intrige, Unfreiheit, Täuschung und Enttäuschung ziehen am Band der Liebe, das schließlich zerreißt und die Liebenden mit untergehen lässt.
Am Beispiel von Luise (Katharina Hackhausen) und Ferdinand (Jonas Schlagowsky) kritisiert Schiller die Standesverhältnisse des 18. Jahrhunderts. Die gesellschaftspolitischen Bedingungen, denen das Paar untergeben ist, erheben sich über die emotionalen. Ein typisch klassisches Thema also, das diesem bürgerlichen Trauerspiel zugrunde liegt. Die originale Textvorgabe hat Bettina Bruinier in einer modernen Inszernierung verarbeitet.

Kuss, Show und Schuss. An Action fehlt es nicht auf der Bühne, deren karge Einrichtung Platz lässt für Verfolgungsjagden oder Tanzeinlagen. Die belustigend dargestellte Oberflächlichkeit zu Beginn der Inszenierung funktioniert im Spannungsbogen, mündend in der tragischen Schwere des Stückverlaufs. Parkett, eine Couch und ein paar Stühle stellen das Wohnzimmer der Handlung dar. Hier nimmt der Hauptstrang Platz, der aus allen Richtungen durch eine Art bewegtes Bühnenbild illustriert wird. Da sieht man zum Beispiel eine Sektglas- Performance des Hofmarschalls sowie Videomaterial, das das Innenleben Ferdinands intensiviert widerspiegelt.

Doch bei aller Modernität der Inszenierungsweise, was hat so eine Ständetragödie inhaltlich im 21. Jahrhundert überhaupt noch für einen Stellenwert. Ist dieses Stück Historie und gesellschaftlich überwunden oder gibt es heute noch einen Bezug?
Es scheint zunächst schwierig, da uns unsere Eltern und Herkunftsverhältnisse im Regelfall nicht bei der Partnerwahl einschränken. Vielleicht lohnt es sich zur Antwort darauf nach weiteren Themen als die gesellschaftliche Einschränkung zu suchen.
So offenbart die Aufführung zb den Stolz der Väter, der sie daran hindert über ihre Schatten zu springen, das selbstzerstörerische Misstrauen Ferdinands, einen Hofmarschall, den die Bürde der Verantwortlichkeit umbringt und - die Liebe.
Eine Liebe, die alles einnimmt und alle Grenzen überschreiten will. Gibt es solch eine Liebe in diesem Maß überhaupt noch? Heute reichen schon zwei um eine Beziehung zu zerstören. Haben die Menschen bei zu Schillers Zeiten stärker geliebt oder ging es bei Luise und Ferdinand um mehr als das Liebesmotiv?
Vielleicht war es das Bedürfnis nach Revolte, das Handeln gegen die Vorschriften, das sie darin bestärkt hat, sich um alles in der Welt darüber hinwegsetzen zu wollen und in der Intensität ihrer Liebe gespiegelt hat. Es bleibt also den individuellen Menschen und seinen Umgang mit dem ihm gestellten Bedingungen und Zerwürfnissen zu betrachten. Das macht Schillers Stoff noch heute interessant.
Bruiniers Inszenierung zeigt die Rollen nicht nur als Repräsentanten ihrer Funktion, sondern lässt sie auch eine Persönlichkeit, einen tiefgründigeren Charakter mitbringen. Somit ist diese Inszenierung von Kabale und Liebe nicht nur für Klassikliebhaber zeigens-, sehens- und diskussionswert.

(Adriana Neumann)

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