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Kommentar

Kommentar vom 25.02.2014

Ich zahl für alles zusammen - Ich habe mich letzte Woche mit einer alten Studienfreundin in Leipzig getroffen und wir kamen auf das Urteil des Bundesgerichtshofs zu sprechen, nach dem Kinder finanziell für ihre Eltern aufkommen müssen. Drei Dinge werden in der Diskussion jetzt total vermischt: das Moralische, das Finanzielle und das Politische. Ja, auch politisch. Denn im Grunde geht es doch eigentlich gar nicht um Eltern-Unterhalt. Die Gesellschaft wird immer älter, die geburtenstarken Jahrgänge müssen bald gepflegt werden, die Medizin kann mehr und das kostet auch mehr – all das ist dem Staat zu teuer. Also muss er gucken, woher das Geld kommen soll. Eine höhere Pflegeversicherungen? Verschreckt die Wähler. Steuern? Gibt’s schon zu viele verschiedene. Außerdem brauchen wir diese Einnahmen, um Banken zu retten. Und im Mittelalter hat das doch schon prima funktioniert, dass die Kinder sich um die Alten kümmern. Laut Gesetz muss ich jetzt also privat für meine Rente vorsorgen, dennoch Rentebeiträge an den Staat zahlen, um die Rente meiner Eltern zu finanzieren. Und den ganzen Rest bezahle ich dann auch noch. Und wenn das schief läuft, beantrage ich Privat-Insolvenz. Kein Ding.
Womit wir beim nächsten Punkt – dem finanziellen wären: Meine Freundin hat keine Kinder. Was sie sehr bedauert. Wir haben mal eine Serviette genommen und durchgerechnet. Seit 1992 arbeiten wir beide. Am Anfang haben wir das Gleiche verdient, später als meine Kinder geboren waren, natürlich nicht mehr. Sie hat Karriere gemacht und das spiegelt sich auf ihrem Konto. Ich hab mich um die Kinder gekümmert und das spiegelt sich in ihrem Lachen. So über den Daumen gepeilt kostet ein Kind so viel wie ein guter Mittelklassewagen. Diese Kosten hat sich meine Freundin gespart. Sie hat dafür die Welt gesehen. Weil sie mehr verdient hat, bekommt sie später natürlich auch mehr Rente. Und muss erst sehr spät, wenn überhaupt, ins Pflegeheim. Sie kann sich ja eine private Pflegerin leisten. Aber dann, wenn wir uns eines Tages im Heim treffen, zahlen meine Kinder für mich und für sie auch. Denn: Wer für seine Eltern aufkommt, wird ja nicht von den regulären Rentenbeiträgen befreit. Oder? Tja. Und da sind wir schon bei der Moral: Was hat das alles mit Solidarität zu tun? Wenn Eltern und Kinder ein ganz normales Verhältnis haben, werden sich die Kinder immer um ihre Eltern kümmern, ihnen helfen. Doch dürfen sie zu Zahlungen im 4-5-stelligen Bereich verurteilt werden? Meine Mutter sagt immer: „Ich habe euch ja nicht gefragt, ob ihr geboren werden wollt. Ihr seid also zu nichts verpflichtet. Aber natürlich fühlt man sich verpflichtet. Nur – darf der Staat das bestimmen? Und was ist, wenn Eltern ihren Kindern das nicht zumuten wollen? Steigen jetzt die Selbstmordzahlen bei alten Menschen? Ist es überhaupt tragbar, dass Menschen, die ihr Leben lag gearbeitet haben, Rentenbeiträge gezahlt haben, sich im Alter nicht mal einen Heimplatz leisten können? Aber jetzt, wo alle schön über das neueste Urteil zum Thema diskutieren, ist die Debatte über das Rentensystem in den Hintergrund gerutscht. Auch das klappt wie im Mittelalter: wenn ich einen Keil treibe zwischen die Generationen, zwischen Eltern und Kinder, meckert keiner auf den Staat. Sie haben mit ihrem eigenen Zwist zu tun. Wenn zwei sich streiten, freut sich eben der Dritte.


(Grit Hasselmann)

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