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Kommentar

Kommentar vom 18.03.2014

Ist Teilen respektlos? - Seit Tagen ärgere ich mich. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Wir reden über Nachhaltigkeit, Überflussgesellschaft, Wegwerf-Mentalität und dann? Wir erziehen unsere Kinder im besten Falle dazu, Dinge, die noch gut sind, zu verwenden, statt neue Sachen zu kaufen. Statt 2-Euro-T-Shirts sollen wir fair gehandelte für 12 erwerben. Teilen gilt theoretisch als moralisch und tugendhaft. Jetzt kommen wir zum Problem: Ich habe eine Wohnung aufgelöst und es zeigte sich, die Frau, die da lebte, war kaufsüchtig. In einer 1-Raum-Neubau-Wohnung fanden sich mindestens 50 Kisten nur mit Kleidung und Plüschtieren und Handtüchern. Alles neu. Gut – dachte ich. Ist zu schade für den Müll, nehme ich erstmal mit und verschenke es dann. Das aber war anscheinend naiv. Drei Tage habe ich telefoniert. Rotes Kreuz, Diakonie, Flüchtlingsheim, Tafeln, Second-Hand-Läden – überall Fehlanzeige. Die Sachen sind neu, wohlgemerkt. Original verpackt, mit Schildern dran. Eine Freundin hätte sie gern nach Rumänien zu ihrem Vater gebracht, hat aber kein Auto. Dann habe ich meinem Ärger im Netzwerk Luft gemacht und durchaus gute Tipps bekommen. Aber ich musste mir auch viel Merkwürdiges anhören: Ich hätte das mit der Nachhaltigkeit falsch verstanden. Und es wäre respektlos, anderen Menschen die Sachen schenken zu wollen. Respektlos? Jemandem etwas schenken zu wollen? Okay. Mal ganz langsam. Ich habe Probleme damit, dass Kinderbücher umgeschrieben werden, um politisch korrekt zu sein. Ich tue mich schwer, manche Texte zu verstehen, weil sie über die Maßen gegendert sind. Aber all das leuchtet mir soweit ein, dass ich damit klar komme. Aber dass es respektlos ist, Leuten Kleidung schenken zu wollen, die nicht genug Geld haben, sich welche zu kaufen? Nichts Abgetragenes, sondern neue Dinge? Wäre es dann politisch korrekt gewesen, sie in die Tonne zu werfen? Ich habe nochmal die Wikipedia nach der Nachhaltigkeit gefragt. Und da heißt es: „ein Begriff, der aussagt, dass etwas noch lange Zeit andauern, bestehen, nachwirken oder sein kann, nachdem es gebaut, produziert, begonnen und/oder in Bewegung gesetzt wurde.“ Das verstehe ich nun eindeutig so, dass Dinge, die noch gut sind, nicht weggeworfen werden sollen. Da ich nun aber mit der Menge an Klamotten in meinem Schrank gut klarkomme, brauche ich noch eine Definition fürs Teilen. Die lautet: „Teilen ist das gemeinsame Nutzen einer Ressource. Das Teilen gilt als positiver Wert, der sich in der Gesellschaft unter anderem als Solidarität und dem Streben nach Gerechtigkeit äußert.“ Wenn ich also mehr habe, als ich brauche und diesen Überschuss dann an Menschen abgebe, die weniger haben, als sie brauchen, ist das richtig.
Warum also muss ich mir sagen lassen, das wäre respektlos? Und warum ist es so schwer, Dinge zu verschenken? Es gibt zwei Erklärungen: Zum einen habe ich nicht mit den Menschen geredet, denen ich die Sachen schenken wollte. Anscheinend gibt es mehr Verwalter des Mangels als ich dachte. All diese Angestellten bei den Hilfsorganisationen sind anscheinend der Meinung, ihre Klienten brauchten keine neue Kleidung. Oder sie sind nicht in der Lage, Geschenke zu verwalten. Wie soll man das auch abrechnen? Die andere Erklärung wäre, dass dieser Unsinn, den ich oben beschrieben habe, in den Köpfen der Menschen angekommen ist. Statt Teilen gut zu finden, halten sie es für respektlos. Statt Solidarität wittern sie Eigennutz. Oder Schlimmeres. Was ist mit dieser Gesellschaft los? Am Martinstag hören wir jedes Jahr die Geschichte von dem geteilten Mantel. Ein abgetragenes Kleidungsstück wird zerschnitten, um einem Bedürftigen zu helfen. Abgesehen davon, dass Martin dem Bettler auch den ganzen Mantel hätte schenken können, geht es ja um das Symbol: Teilen ist eine Tugend, ohne die die menschliche Gesellschaft nicht existieren kann. Und die Diskussion, ob das respektlos ist, kann eigentlich auch nur in unserem übersättigten, konsum-kranken Land aufkommen. Glücklicherweise gab es im Netzwerk viele, die das genauso sehen. Und am Samstag werden die ersten verschenkten Plüschtiere und Klamotten abgeholt.

(Grit Hasselmann)

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