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Kommentar

Kommentar vom 27.01.2009

Über Aufstocker und die Mainstream-Medien - Da sind sie nun.

Nein, Thüringer Zeitungen sprechen natürlich nicht von Hochstaplern.

Denn da wären wir ja beim Mann'schen Felix Krull, der sein Leben höchst kreativ und amüsant zu bewerkstelligen wußte.

Die Presse spricht auch nicht von einer demokratischen Ausbeuter-Klasse oder so, das ist gerade nicht political correct. Es geht ihnen um die Darwinisch-neue Spezies der „Aufstocker“.

So vermeldeten die Thüringer Zeitungen am Freitag die „Zahl der Aufstocker in Thüringen:

17.524 Vollzeitbeschäftigte mit einem Bruttoeinkommen von 800 Euro und mehr beziehen Hartz IV-Leistungen - Durchschnittlich erhalten sie 529 Euro - Gesamt: 9,27 Mio. Euro/Monat –

8.565 Teilzeitbeschäftigte mit einem Bruttoeinkommen zwischen 400 und 800 Euro beziehen Hartz IV-Leistungen - Durchschnittlich erhalten sie 750 Euro - Gesamt: 6,42 Mio. Euro/Monat“

Das klingt nach unparteiischer Berichterstattung...

Doch wußten Sie schon, dass in diesem Jahr die Thüringer Zeitungen mit dem MDR, das sind Fernsehen und Rundfunk für Thüringen, im Internet kooperieren? Eine bahnbrechende und medienpolitisch „in die richtige Richtung“ weisende Entwicklung hin zur „Qualitätsorientierung“, heißt es.

Haben Sie das jetzt nicht verstanden?

Also – Sie müssen doch zugeben, dass kein Mensch hinter der Formulierung Hartz IV noch den zweiten bundesrepublikanischen Terminus technicus mitdenkt.

Richtig: ALG II.

Das ist ausgeschrieben Arbeitslosengeld II.

Dieses soll es geben, wenn nach einiger Zeit der Arbeitslosigkeit das ALG I, also das Arbeitslosengeld I, nicht mehr bezahlt werden kann und man nun in die grundexistenzsichernde Zahlungsmaschinerie fällt, die nach Verbrauch des persönlichen Vermögens vor dem Hungertod retten soll.

Also unter vollständiger Teilhabe am öffentlichen Leben und unter völliger physischer, psychischer und sozialer Unversehrtheit, so verlange es die UN-Gesundheitsdefinition.
Nun haben wir aber hier diese „Aufstocker“, die Vollzeit arbeiten.

Und das Geld reicht trotzdem nicht.

"In Deutschland haben wir mittlerweile einen der größten Niedriglohnsektoren in Europa. Thüringen ist das Bundesland mit den niedrigsten Löhnen bundesweit. Das ist kein Aushängeschild, sondern einfach beschämend", so Steffen Lemme vom DGB. „Insgesamt schieße der Freistaat den DGB-Berechnungen nach monatlich 15,5 Millionen Euro zu; auf das Jahr gerechnet rund 186 Millionen Euro.“

Tja, wie schön, daß nun im Kontext die schönen Worte „Aufstocker“ und „Hartz IV“ verfügbar sind. Da denkt doch keiner mehr an ALG, also Arbeitslosengeld in einer Vollbeschäftigtensituation und keiner denkt an Ausbeutung.

Das wäre ja unchristlich, und wir sind ein christliches Land.
Hier gibt es denn außer Hartz IV auch noch Diakonie und Caritas und die Mobilisierungsbemühungen der ARGEn Thüringer Behörden...

...gegen diese...

...Hartz IV-Empfänger!
Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Herr wird’s wissen, der verzeiht, wenn man ihn nur darum bittet.

Ja, und deshalb müssen nun die Medien ein wenig zusammenrücken, damit dieses „Neusprech“ noch gut an den Mann und die Frau gebracht werden kann und keiner mehr darüber nachdenken muß. Darüber, was Begriffe bedeuten...

Hartz IV ... ALG II ... Vollbeschäftigung ...
versicherter Job ... gesichertes Leben ...
humanes Leben ... Humanitas ...

Genug, genug der Worte!

Ich wünsche Ihnen allen ein gutes Leben, Humanes die Menge, eigene Gedanken und eine kritisch-informative Woche bei RadioLoTTeWeimar.

(Siegfried R. Krebs)

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