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Kommentar

Kommentar vom 08.04.2014

"Ist da schon wieder Krieg?" - Nein. Immer noch. - Es gibt Themen, die sind zu bestimmten Zeiten so präsent, dass man glaubt, alles darüber zu wissen und dass man nichts mehr davon hören will. Beispielsweise in der Vorweihnachtszeit, wenn die Spendenbereitschaft der Menschen groß ist, hört man viel über Afrika, Bürgerkriege, Hungersnöte oder Fluchtbewegungen. Und den ganzen Rest des Jahres eher nicht. Und deshalb haben auch die wenigsten Leute eine Ahnung davon, was in Ruanda, Somalia oder Dafur wirklich los ist. Ein Beispiel: am Wochenende hab ich mit ein paar Leuten über meine Zeit in Somalia geredet. Da war ich Anfang der 90er Jahre. Fragt einer: „War da nicht gerade dieser schreckliche Bürgerkrieg?“ Tja. Irgendwie schon. Aber genau genommen hat er da nur begonnen. Er dauert bis heute an. Das weiß nur fast niemand. Und kaum jemand weiß, was das bedeutet. Die Kinder, die ich damals kennen gelernt habe, sind inzwischen längst erwachsen. Manche leben schon gar nicht mehr. Und sie haben nie etwas anderes erlebt, als ein Land im Krieg.
Sie können eine Maschinenpistole bedienen, aber ein Bildungssystem gibt es nicht. Schätzungsweise 13% der Jungen und 7% der Mädchen besuchen eine Schule. Unterricht findet heute hauptsächlich in Koranschulen und privaten Einrichtungen statt. Dass Krieg und Flucht auch Familien zerstören, den Menschen die Heimat nehmen und damit ein Stück ihrer Identität, kommt dazu. Gestern gab es im Netz sehr viele Aktivitäten zum Thema Ruanda. Der Grund: Am 6. April 1994 begann der Völkermord in dem Land.
Die Gewalttaten dauerten bis Mitte Juli 1994 an. Sie kosteten circa 800.000 bis 1.000.000 Menschen das Leben. In nur 100 Tagen wurden zwei Drittel der ruandischen Tutsi-Minderheit ausgelöscht. Und die Weltgemeinschaft? Fehlanzeige. Die UNO wurde sehr wegen ihrer Untätigkeit kritisiert. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, aus welchen Gründen eine frühzeitige humanitäre Intervention nicht erfolgte. Vielleicht hat Ruanda zu wenig Bodenschätze? Oder es eignet sich nicht als Feindbild, weil es fast komplett christlich ist? Nur ein Prozent der Menschen dort sind nämlich Muslime. Und die katholische Kirche soll nicht unwesentlich in den Völkermord verstrickt gewesen sein.
1996 lehnte Papst Johannes Paul II. allerdings eine Mitverantwortung der katholischen Kirche für den Völkermord ab. Die Schuld liege allein bei einzelnen Tätern aus den Reihen der Gläubigen. Beim amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ sah das übrigens anders aus. Alle Muslime wurden quasi zu Verbrechern erklärt nach dem 11. September. Dann sind da noch Dafur und der Tschad. Seit 2005 kracht es da. Auch der Sudan mischt mit. Am 14. April 2006 brach der Tschad seine diplomatischen Beziehungen zum Sudan ab und verweigerte Gespräche mit der Afrikanischen Union. Gleichzeitig sind aber schon rund 200.000 Flüchtlinge aus Darfur im Tschad angekommen. Genau soviele Menschen sind allein bis 2007 im Dafur-Konflikt umgekommen. 2,5 Millionen wurden innerhalb der Region vertrieben. Sie haben alles verloren: Ihr Zuhause, ihre Heimat, ihre kulturelle Identität, ihre Familien, ihre Zukunft. Seit 1. Januar 2008 soll die Friedensmission UNAMID als weltgrößte Friedenstruppe in Darfur stationiert werden. Bisher ist das aber nicht geschehen. Auch dort besteht die derzeitige Erwachsenen-Generation zu großen Teilen aus Menschen, die in ihrem Leben nur Krieg kennengelrnt haben. Wie sollen jahrzehntelange Konflikte gelöst werden, wie sollen Kriege beendet werden, wenn die Beteiligten keinen Frieden kennen? Wenn die Welt sich einfach nicht für die Situation interessiert, weil dort nichts zu holen ist? Wenn immer nur vor Weihnachten, zur Spenden-Sammel-Zeit, daran erinnert wird?
Million Voices heißt das Projekt, das auf den Bürgerkrieg in Ruanda aufmerksam machen soll. Und wenn diese Million Stimmen laut genug ist, dann wird die Botschaft vielleicht auch irgendwann gehört werden.



(Grit Hasselmann)

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