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Kommentar

Kommentar vom 22.07.2014

Wer mit Dreck wirft, macht sich die Hände schmutzig - Es ist ein sehr kleiner Schritt von der seriösen Berichterstattung zur Propaganda. Das lernt man gerade in diesen Tagen. In den Medien auf der ganzen Welt arbeiten entweder grottenschlechte Journalisten oder welche, die bewusst manipulieren. Schlimm nur, dass in Zeiten des world wide web die ganze Welt ein potentielles Publikum ist.
Das beginnt mit der Sprache. Wie oft haben wir Sätze gehört, wie „Die Sprache ist eine Waffe“. Wie haben wir als junge künftige Journalisten Klemperers „LTI“ verschlungen. Und heute? Die eigene Sprache sollten Journalisten doch beherrschen, oder? Falls nicht, hier nochmal eine kleine Hilfe: es ist gar nicht schwer, folgende Definitionen in Wikipedia zu finden. "Die Krise [...] bezeichnet eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. Von einem Konflikt [...] spricht man, wenn Interessen, Zielsetzungen oder Wertvorstellungen von Personen, gesellschaftlichen Gruppen, Organisationen oder Staaten miteinander unvereinbar sind oder unvereinbar erscheinen. Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt, an dem oft mehrere planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind. Ziel der beteiligten Kollektive ist es, ihre Interessen durchzusetzen."
Also: es gibt keine Krise in der Ukraine und keinen Konflikt im Gaza-Streifen. Es ist Krieg. Genau wie in Somalia und vielen anderen Ländern. Nur erzählen die Journalisten uns davon nichts. Und wenn wir schon dabei sind: für die Kriegsparteien werden Worte gefunden, die manipulieren: „Pro-Russische Separatisten“. Ich habe mich kürzlich mit einem Mädchen aus der Ukraine unterhalten und danach wusste ich weniger als vorher. Was ist mit den Menschen dort? Mit denen, die nicht rechts sind. Nicht links. Die einfach friedlich leben wollen. Die einen in einer unabhängigen Ukraine, die anderen verbunden mit Russland. Wie nennen wir die? Oder im Nahen Osten. Da ist die Rede von der Hamas. Von Terroristen. Aber es gibt Tausende Palästinenser, die mit denen nichts zu tun haben. Die ganz normal und friedlich leben wollen. Was im Gaza-Streifen übrigens nicht einfach ist. Oder man spricht von Israel. Sehr viele Israelis aber lehnen die Netanjahu-Politik ab. Sind gegen die Siedlungspolitik und gegen den Krieg. Davon hört man gar nichts. Ebenso wenig wie von journalistischer Sorgfaltspflicht. Von Berufs-Ethik. Da wird schlecht recherchiert, man sitzt gefakten Bildern genauso auf wie halbseidenen Informationen. Und wenn diese verheerende Art der Berichterstattung dann Früchte trägt, berichtet man darüber in der gleichen unsäglichen Manier. Das Netz ist voll von Propaganda. Ich rede da leider nicht nur von kleinen blogs, sondern auch von den großen Medien. Und was ist die Folge? In vielen deutschen Großstädten, wie Essen, Berlin, Frankfurt oder Göttingen, gab es bei Demonstrationen in den letzten Wochen antisemitische Transparente und gewalttätige Übergriffe. Jüdische und muslimische Einrichtungen wurden angegriffen. Junge Menschen treten und schlagen Andersgläubige. Das macht mir Angst. Es ist völlig legitim, zum Nahostkonflikt und zur aktuellen Situation in Israel und Gaza unterschiedliche Haltungen zu haben. Es ist legitim, diese kund zu tun. Und es ist großartig, wenn Menschen für ihre Überzeugung auf die Straße gehen. Das ist ein zentraler Teil der Versammlungs- und Meinungsfreiheit und trägt zu einer pluralistischen Debatte bei. Es ist aber völlig inakzeptabel, wenn es bei diesen Demonstrationen zu Antisemitismus und Gewalt kommt. Und es ist unakzeptabel, Gegner des Krieges der Israelischen Regierung als Antisemiten zu bezeichnen. Denn was jetzt passiert, ist folgendes: die Menschen, die ohne religiöse Befindlichkeiten gegen jede Art von Krieg sind, werden in einen Topf geworfen mit Rechten. Mit Antisemiten. Die erfahren dadurch aber eine extreme Aufwertung ihrer menschenverachtenden Haltung. Gerade jetzt ist es wichtig, klar und offen gegen Antisemitismus und Rassismus Position zu beziehen. Und es ist wichtig, den Krieg im Nahen Osten zu beenden. Statt dessen verhärten sich die Fronten immer mehr. Tausende Bilder von toten und verletzten palästinensischen Kindern kursieren im Netz. Fotos von jungen Israelis, die zum „Bomben-Gucken“ ein regelrechtes public viewing veranstalten. Die Bilder von den Demos in Israel, die sich gegen den Krieg richten, muss man lange suchen. Wer versteckt die? Die Regierung in Israel? Die Medien? Weil solche Bilder nicht zur vorgefertigten Meinung passen? Immer wieder werden die unverhältnismäßigen Zahlen der Toten und Verletzten gegenüber gestellt. Welchen Wert hat diese Information? Welche Botschaft vermittelt sie? Warum finde ich keine Artikel über Hintergründe des Krieges? Darüber, wer am Ende daran verdient? Ist das vielleicht nicht spektakulär genug? Liebe Kollegen: Erinnert euch an die journalistische Ethik. Wir sind zu Objektivität verpflichtet. Ausgewogene Berichterstattung ist unser Auftrag. Die Eskalation der Demos und die Entgleisungen im Netz in den letzten Tagen in Deutschland sind auch die Folge eurer völlig unjournalistischen Berichterstattung über den Krieg.

(Grit Hasselmann)

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