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Kommentar

Kommentar vom 07.10.2014

Kein Krieg ohne Propaganda - Der "Islamische Staat" will angeblich Terrorkommandos als Syrien-Flüchtlinge tarnen und nach Europa schleusen. Das wollen US - Geheimdienste herausgefunden haben. Sagt zumindest die BILD. Dort heißt es: „Westliche Sicherheitsbehörden gehen jetzt einem neuen, abscheulichen Verdacht nach: Tarnen sich ISIS-Terroristen als Flüchtlinge?“
Ich habe, trotz intensiver Recherche, keine Sicherheitbehörde gefunden, die diesem Verdacht nachgeht. Bei BILD konnte man mir auch nicht weiterhelfen. Mit Fakten, meine ich. Das Blatt behauptet, dass Geheimkommandos, getarnt als Flüchtlinge, die Grenze überqueren sollen – um unerkannt in die Türkei zu gelangen. Von dort aus sollen die ISIS-Terroristen mithilfe gefälschter Pässe weiter nach Westeuropa reisen, auch nach Deutschland, um Anschläge zu verüben. Jetzt könnte man sagen: „Naja, ist halt die BILD!“
Aber leider ist das zu einfach. Im Radio, im Fernsehen, in großen, eigentlich seriösen Zeitungen und im Netz – überall wurde diese Nachricht aufgegriffen. Und immer gabs als Quelle die BILD. Warum keine anderen Quellen? Hat da keiner recherchiert? Oder haben die Journalisten nichts gefunden? Müsste man das dann aber nicht zugeben?
Oder ist da tief in den westeuropäischen Menschen so ein Vorurteil gegenüber den Flüchtlingen? „Hunderttausende fliehen derzeit aus Syrien in die Türkei. Da sind ganz bestimmt ein paar Terroristen dabei.“ Und beim dritten Versuch, aus der BILD-Meldung einen Artikel zu machen, wird es noch schlimmer: Da wird nämlich nicht mehr im Konjunktiv gesprochen, sondern es wird als Fakt dargestellt, dass unter den Flüchtlingen Terror-Kommandos sind. Als hätten die es nicht schon schwer genug. Aus ihrer Heimat vertrieben, haben sie alles verloren, hausen in riesigen Lagern, sind traumatisiert. Überall stoßen sie auf Ablehnung. Christliche Nächstenliebe scheint heut zu Tage an Nationalitäten gekoppelt zu sein. Da kommt eine solche Nachricht doch gerade recht: „Wir würden ja gern Flüchtlinge aufnehmen. Aber wenn wir damit die Terroristen unterstützen, können wir sie leider nicht in unser Land lassen.“ Dabei muss selbst BILD einräumen, dass den deutschen Behörden keine Erkenntnisse über konkrete Anschlagsplanungen vorliegen. Nur: wer liest schon das klein Gedruckte? Dazu kommt noch ein ganz anderer Aspekt. Der logische. Denn der IS ist auf eine solche Taktik überhaupt nicht angewiesen. Tatsächlich gehen die Geheimdienste davon aus, dass der IS Anschläge in Europa plant. Die Gruppe will damit zum einen dem Netzwerk al-Qaida endgültig den Rang als schlagkräftigste Terrororganisation ablaufen. Zum anderen wollen sie die Staaten treffen, die den IS in Syrien und dem Irak aus der Luft bombardieren oder die Gegner der Dschihadisten, besonders die kurdischen Peschmerga, ausbilden und aufrüsten. Doch um Anschläge in Deutschland zu verüben, ist der IS gar nicht darauf angewiesen, Kämpfer als Flüchtlinge zu tarnen. Die IS-Propagandisten rufen in ihren Audio- und Videobotschaften ihre Anhänger in den USA und Europa dazu auf, selbst aktiv zu werden. Sie sind nämlich längst da. Radikalisierte Muslime, die sich mit den Zielen der Dschihadisten identifizieren. Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass inzwischen rund 450 radikalisierte Muslime aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind, um sich dort am Kampf des IS zu beteiligen oder die Miliz zu unterstützen. Etwa 150 davon sind zwischenzeitlich zurückgekehrt. Wenn überhaupt jemand Anschläge plant, dann doch wohl die. Und nicht die Flüchtlinge.

(Grit Hasselmann)

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