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Kommentar

Kommentar vom 14.10.2014

Verhindert Schulpflicht Bildung? - Eigentlich klingt es ganz logisch. Es herrscht Schulpflicht in Deutschland. Und das war ja auch schon immer so. Deshalb stellt das kaum jemand in Frage. Wenn doch mal Eltern beschließen, ihre Kinder selber und zu Hause zu unterrichten, werden sie als „Spinner“ abgetan und die Kinder werden bedauert. Oder mit der Polizei zur Schule gebracht. Aber was, wenn die klassische Schule ein Auslaufmodell wäre? Was, wenn sie die Kinder zwar Lesen und Schreiben und Rechnen lehrt, in jeder anderen Beziehung aber versagt? Da liest man von Mobbing, Schulstress, Schulabbrechern. Da stehen in den Schulbüchern Sachen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Da gibt es Tausende Lehrer, die ausgebrannt sind, die aufgegeben haben oder die überhaupt nur Lehrer sind, weil sie nichts anderes gefunden haben. Da geht jeder, der es sich leisten kann, mit seinen Kindern lieber auf Privatschulen. Da wird über Schulnoten gestritten statt über Methodik. Die Personaldecke an den Schulen ist dünn, der Altersdurchschnitt hoch, der Krankenstand bedenklich. Der Lehrermangel ist keine Zukunftsvision, sondern Realität. Die Zahl der Ausfallstunden wird geschönt. Das zumindest vermutet der Lehrerverband und hat eine Umfrage zum Thema gestartet – anonym übrigens. Kein wirklich guter Lehrer kann auf Dauer eine Klasse von 25 Schülern unterrichten. Ihnen das Denken und das Lernen schmackhaft machen. Ihre Neugier anstacheln. Eben ein guter Lehrer sein. Meine Tochter wurde gerade eingeschult. Sie hat Spaß am Lernen. Noch. Ich hoffe, möglichst lange. Aber ich habe bei der Großen gesehen, wie schnell das umschlägt. Neulich habe ich zwei Stunden in der 1. Klasse meiner Tochter verbracht. Die Kinder waren lieb. Keine Frage. Es waren halt nur viele. Ich hatte viel Spaß und danach Kopfschmerzen. Kein Wunder, dass die Lehrer streng sind. Schimpfen, strafen. Wie soll sonst eine Person 25 6jährige dazu bringen, den ganzen Vormittag still zu sitzen. Denn das ist unnatürlich. Kinder in dem Alter müssen eigentlich mindestens vier Stunden toben, knien, kullern, kriechen, werfen und klettern. Und sie müssten erst einmal ganz andere Dinge lernen. Ihre eigenen Impulse, Emotionen und die Kreativität zu steuern. Sie müssten lernen, mit den Gefühlen anderer umzugehen und erst einmal ein eigenes Rückgrat entwickeln. Wie soll Schule das schaffen? Und vor allem, warum? Können nicht alle, denen die Kinder am Herzen liegen, gemeinsam für Bildung sorgen? Wäre ein Recht auf altersgemäße, gute Bildung nicht wirkungsvoller als eine Schulpflicht?
Können Kinder nicht von ihrer Mutter lesen lernen, vom Opa Marmelade kochen und schnitzen, von der Nachbarin das Argumentieren, vom Onkel die Achtsamkeit im Umgang mit Tieren? Und das tagsüber, wenn sie wach sind? Und dann lernen sie Schach spielen oder ein Instrument. Und müssen dafür eben nicht in eine Schule fahren, weil die „Lehrer“ schon da sind. Gerade habe ich einen jungen Mann kennen gelernt, der Gärtner ist. Wenn er von Kindern, Pflanzen oder Tieren spricht, macht das jeden glücklich, der zuhört. Wenn man ihm beim Arbeiten zuschaut, ahnt man, was es bewirken kann, Spaß an dem zu haben, was man tut. Er ist freundlich, hilfsbereit, klug. Und er ist ein Schulversager. Dreimal sitzengeblieben, irgendwann die Schule abgebrochen und geblieben sind verschenkte Jahre, in denen er einfach nur unglücklich war. Eigentlich wollen Kinder lernen. Von Geburt an. Und wenn sie dann in die Schule kommen, sollen sie lernen still zu sitzen. Sich an Regeln zu halten. Die richtigen Klamotten zu tragen. Und erst, wenn sie das alles können, geht es um Inhalte. Und irgendwann wieder nicht mehr. Denn dann geht es um Leistungen, um Zensuren. Meine große Tochter hatte mal eine Frage zur Geschichtsarbeit: „Soll ich eigentlich schreiben, was ich denke, oder das, was wir gelernt haben?“ Zu diesem Zeitpunkt hätte man das Kind eigentlich aus der Schule nehmen müssen. Aber wer tut das schon. Schließlich haben wir in Deutschland Schulpflicht. Und das schon lange. Im Reichsschulpflichtgesetz vom 6. Juli 1938 wird auch ganz klar gesagt, warum: „§ 1. Allgemeine Schulpflicht. Im Deutschen Reich besteht allgemeine Schulpflicht. Sie sichert die Erziehung und Unterweisung der deutschen Jugend im Geiste des Nationalsozialismus.“ Staatliche Kontrolle vs. Selbstbestimmung also. Damit ist klar – Eltern, die gegen die Schulpflicht vorgehen, die Möglichkeiten suchen, sie abzuschaffen oder zu umgehen mögen im Recht sein oder nicht. Aber sie sind ganz sicher keine Spinner.

(Grit Hasselmann)

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