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Kommentar

Kommentar vom 13.01.2015

Eigen-PR oder Notlüge? - Selten wird so viel gelogen wie im Januar. Da gibt es die einfachen Lügen: Gute Vorsätze. Schon, wenn man sie ausspricht, weiß man eigentlich, dass es wieder nichts wird. Oder das Drücken und Küssen auf der Silvester-Party: Im wirklichen Leben wäre diese Vertraulichkeit, Intimität schon fast, den meisten zu viel. Dann haben wir die Neujahrsgrüße. Was da auf Papier oder per Mail durch die Republik gelogen wird, ist unfassbar! Wem man da alles ein gutes 2015 wünscht! Der Konkurrent kriegt Wünsche für Erfolg, Glück und Gesundheit wünscht man Leuten, die man überhaupt nicht mag, nur weil sie eben auf der Liste derer stehen, die Karten kriegen müssen. Weil sie sonst sauer sind, weil sonst der nächste Auftrag nicht kommt, weil es sonst politische oder zwischenmenschliche Konflikte gibt. Jeder, der einem begegnet im Januar, bekommt ebenso viele gute Wünsche wie man selber. Da wird gefragt: „Wie geht’s? Wie hat das Neue Jahr begonnen? Wie war Weihnachten?“ Aber eigentlich will keiner die Antworten wissen und entsprechend banal sind sie dann meist. Und dann die Leute, die man vergessen hat im Karten-Wahn. Wenn sie sich beschweren, wird versichert: „Ich hab die Karte abgeschickt. Schon längst! Muss im Weihnachtstrubel untergegangen sein.“ Es geht viel unter in diesem Weihnachtstrubel. Hausarbeiten, Projektskizzen, Texte – alles, was eigentlich noch im Dezember fertig gestellt werden sollte. Alles untergegangen. „Nee, das hab ich dir wirklich gemailt. Am 24. noch. Muss untergegangen sein. Aber ich schicks dir gerne noch mal.“ Klar. Inzwischen ist es ja auch fertig. Etwas komplizierter wird es mit den Krankheiten. Zurzeit sieht man viele junge Menschen an Krücken. Mit Schienen oder Gips am Bein. „Ach, du Arme! Ski-Unfall? Wie lange musst du denn jetzt aussetzen? Gute Besserung!“ Meint aber eigentlich: „Wie lange muss ich jetzt deine Arbeit mit machen? Wieso fährst du in den Ski-Urlaub, wenn du es nicht kannst? Ich konnte mir das dieses Jahr nicht leisten. Und dann steigen wieder die Krankenkassen-Beiträge. Und dann will die auch noch Mitleid!“ Psychologen gehen davon aus, dass Lügen lebensnotwendig sind, denn sie dienen dazu, das Selbstwertgefühl zu erhöhen und auch das Miteinander mit anderen Menschen erleichtern. Gerne werden sie auch verwendet, wenn Frauen und Männer auf der Jagd sind. Klar will man sich selbst vor dem potentiellen Partner ins rechte Licht rücken. Und streicht die Vorzüge der eigenen Person heraus. Dumm nur, wenn die Balz erfolgreich ist und später, in der Beziehung, die Lügen ans Licht kommen. Und richtig komisch wird es, wenn man eine Akquise-Strategie hat, deren Hauptmerkmal es ist, den Retter-Instinkt des potentiellen Partners herauszufordern. Das heißt, ich mache meinen Ex so schlecht wie möglich, damit der Neue das Gefühl hat, mich heilen zu müssen. Und damit sind wir ganz schnell bei den krankhaften Lügnern. Die nennt man Pseudologen. Über die Anzahl der Pseudologen gibt es keine verlässlichen Zahlen, unter anderem auch deshalb, da die Pseudologia Fantastica in der internationalen Klassifikation der Krankheiten nicht als Einzelphänomen verzeichnet ist. Sie ist ein Syndrom, das unter die narzisstische Persönlichkeitsstörung fällt. Allerdings ist nicht jeder, der lügt, ist schon ein Pseudologe, denn Selbstwertkrisen kennt jeder und neigt daher auch mal dazu, sein Leben ein wenig schöner und spannender zu sehen, als es wirklich ist. In den 70er Jahren hat der amerikanische Psychologe John Frazer Alltagsgespräche analysiert und die bis heute nicht unumstrittene These aufgestellt, dass Menschen etwa zweihundertmal am Tag lügen. Kleine Lügen bzw. "selektive Informationsangaben" gehören also zum alltäglichen Miteinanderumgehen: Man setzt häufig kleine Lügen ein, um jemanden nicht zu kränken, um komplizierte Auseinandersetzungen und Erklärungen zu umgehen. Häufig wird dadurch niemand so recht benachteiligt. Es sei denn, man verbreitet Unwahrheiten über andere Personen. Das fällt dann ganz schnell unter üble Nachrede und kann sogar vor Gericht landen. Wohl dem, der Freunde hat, die ihn dann stoppen. Die wahrhaftig sind und ehrlich, auch wenn es schwer fällt. Es gibt wohl nur ganz wenige Menschen auf der Welt, die noch nie gelogen haben. Wenn überhaupt.
Wollen wir es dabei belassen? Wenn nicht, probieren Sie doch mal, einen Tag ohne Notlügen und Höflichkeitsfloskeln durchzuhalten. Ich wette, das wird ihnen nicht gelingen.

(Grit Hasselmann)

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