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Tonspur

Tonspur vom 09.02.2015

Belle and Sebastian - Girls in Peacetime Want to Dance - Wenn man ein richtig cooler Typ ist, dann hört man vermutlich nicht Belle and Sebastian. Was genau jetzt cool ist, das kann ich auch nicht so genau wissen, denn schließlich höre ich sie ja. Ich vermute aber, dass die Bandmitglieder zu alt und bieder angezogen sind, um cool zu sein. Dass Sänger Stuart Murdochs Stimme zu klar und zerbrechlich dafür ist. Dass die Lieder vieeeel zu poppig und unelektronisch für cool sind, zumindest bisher. Doch dazu später mehr. Dass die erzählten Geschichten von Friedhöfen, Bücherwürmern und Büroarbeitern zu klassisch sind dafür und zu unkryptisch. Und, dass die Musik von Belle and Sebastian zu niedlich ist, um cool zu sein. Damit haben sie sich schon das Genre „Twee Pop“ eingefahren, es quasi erfunden. Cool ist das nicht, aber man kann sie dafür lieben, und dafür haben meine Ohren und mein Herz sich entschieden. Und in meinem Kopf haben die Protagonisten der Songs Zöpfe, tragen Hornbrillen, trinken Cream Tea und Essen Scones. Die Band hat ihr Zielpublikum wohl gefunden.
Belle and Sebastian sind aus Glasgow und relativ undefiniert zusammen gesetzt; je nachdem kommen zur Kernband allerhand toll altmodische Instrumente dazu. Bis 2002 sang auch Isobel Campbell mit, die danach betörend mit Mark Lanegan sang. Belle and Sebastian sind nach einem französischen Kinderbuch benannt und wem das nicht niedlich genug ist, dem werden schrecklich lange Song- und Albentitel Freude machen. Man kann aus ihnen allerhand lernen. Meine liebsten Titel: „The Blues is Still Blue“ und „Sleep the Clock Around“. Belle and Sebastian sind also ein klein wenig kitschig, aber vor allem herrlich.
Nachdem 2010 das letzte Album erschien, gibt es nun ein neues mit selbstverständlich instruktivem Titel: „Girls In Peacetime Want To Dance“. Das neue Werk ist länger als eine Stunde und mit dem Tanzen ist kein Walzer gemeint und auch kein Schüchternes von links nach rechts wippen, mit Glas in der Hand, und auf die Schuhe gucken.
Nein, Belle and Sebastian wollen in die Disco. Zumindest bis Mitternacht.
Im Sommer haben sie beim Southside-Festival gespielt. Es war weit nach Mitternacht und die meisten haben nicht verstanden, dass das eben keine Schunkelveranstaltung ist, aber auch nicht das übliche Elektro-Gehopse nachts im Zelt. Es war lupenreiner Kammerpop außerhalb der Kammer. Stuart Murdoch trug eine Hochwasserhose und klang glockenklar.
Heute auch nicht gerade kräftig, litt der junge Stuart anscheinend an einem Erschöpfungssyndrom, das ihn selten tanzen ließ: Vielmehr musste er das Bett hüten. Davon erzählt er auf dem neuen Album, und dann wieder ganz viele Geschichten von anderen Leuten wie Allie, aus deren Perspektive die meisten Songs gesungen werden.
Mit „Nobody’s Empire“ geht der Spaß ganz klassisch los, und auch „Allie“ erinnert an alte Songs, vielleicht an das tolle „White Collar Boy“ damals.
Und dann geht es los: Mit „The Party Line“ kommt tatsächlich Disco ins Spiel. Aber da ist noch Murdochs Stimme, und die singt weiterhin Melodien. Zunächst ungewohnt, klappt das besser als es klingt. Bei „Enter Sylvia Plath“ kommt fast schon ein Scooter-Eurodance-Beat dazu, und erschreckenderweise ist das mein liebster Song des Albums. Tolle Melodie, toller Song. Der nächste, genauso toll, okay, „The Everlasting Muse“, wagt Klezmermusik im Refrain. Das ist irgendwie unerwartet, passt aber irgendwie auch fantastisch in die melancholische Welt Murdochs. „Play for Today“ klingt nach Dorfdisco, aber auf eine gute Art, und „The Book of You“ hat nicht nur Bücher im Titel, sondern ist auch sonst schön.
Was soll ich sagen? Belle and Sebastian wagen das Unwagbare, Disco und Dance in ihrer süßen Musik, und es wird fantastisch. Weil sie immer noch die schönsten Popsongs schreiben, die man sich vorstellen kann, und die unter der Elektrodecke eben immer noch schön sind.
Das ganze Album, eine Liebeserklärung an die Kreativität, gegen Stilbegrenzungen. Und dafür steht mein Lieblingssong, neben dem anderen da, mit folgender Zeile: „Be popular, play pop, and you will win my love.“ Hat funktioniert, bin verliebt. Vom Album „Girls in Peacetime Want to Dance“: Belle and Sebastian mit „The Everlasting Muse“.

(Laura Eigbrecht)

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