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Kommentar

Kommentar vom 01.07.2009

Krieg und Frieden - Krieg - oder nicht Krieg, das ist hier die Frage. Ist die Bundeswehr in Afghanistan im „Krieg“ oder im „Einsatz“, wie die Bundesregierung nicht müde wird, zu betonen - und was ist der Unterschied? Ich will Ihnen diese Frage nicht beantworten, aber einige Anhaltspunkte aufzeigen, die Sie in die Lage versetzen können, sich ein eigenes Bild zu machen.

Wenn man sich nun dazu durchgerungen hat, die Bundeswehr als „Streitkräfte“ zu betrachten, hilft dazu ein Blick in Clausewitzens Werk „Vom Kriege“. Dort heißt es zum Beispiel: „Wo … Streitkräfte … angewendet werden, da muß notwendig die Vorstellung des Kampfes zum Grunde liegen.(1) …Der Soldat wird ausgehoben, gekleidet, bewaffnet, geübt, er schläft, ißt, trinkt und marschiert, alles nur, um an rechter Stelle und rechter Zeit zu fechten. (2)“ Und weiter: „Wo Truppen - also Streitkräfte - gedacht werden, muß immer die Idee des Gefechtes vorhanden sein. (3)“ Ungefähr eine Generation später sekundierte der ältere Moltke, als er schrieb: „Das Feld der realen Tätigkeit der Armee - also der Streitkräfte - ist der Krieg. … Die Vorbereitung zur Schlacht ist daher Hauptaufgabe der militärischen Ausbildung. (4)“ Was das in der Endkonsequenz bedeutet, hat der General von Seeckt mal herausgearbeitet, der war bei Kaiserns und in der Weimarer Republik ein hohes Tier beim Militär, wie es so schön heißt. Also bei Seeckten lesen wir folgendes: „Die Bereitwilligkeit zum Tod in Erfüllung der Berufspflicht ist das ernste Kennzeichen des Soldatentums. … In keinem anderen (Beruf) … ist das Töten und damit das Bereitsein selbst zu sterben das eigentliche Wesen der Berufspflicht. (5)“

Ist Ihnen da vielleicht was aufgefallen? Von Wiederaufbau, Brunnenbohren, Schulenbauen und alten Frauen über die Straße helfen - wo auch immer - ist hier nicht die Rede als Bestimmung für Soldaten und Streitkräfte. Auch der Hochwasserschutz ist es nicht, weshalb Staaten Streitkräfte aufstellen. Seit der berühmten Oderflut hält sich diese Vorstellung aber recht hartnäckig. Es muß deshalb mal klar und deutlich gesagt werden: In Streitkräften organisierte Soldaten braucht man nur und ausschließlich für den Krieg, zu nichts anderem. Eine Armee zum Hochwasserschutz oder zum Wiederaufbau zerstörter Gebiete ist rausgeschmiß'nes Geld, meistens Steuergeld. Wer eine Armee unterhält, plant entweder einen Krieg oder rechnet damit, in einen hineingezogen zu werden. Und einen Krieg ohne Verluste hat es bisher im Verlauf der Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben.

Da sind wir bei der nächsten Frage: Sind die beispielsweise in Afghanistan ums Leben gekommenen Soldaten nun gestorben, ums Leben gekommen oder gefallen? Der große Feldherr Franz-Joseph Jung spricht von Gefallenen, obwohl wir angeblich nicht im Krieg sind. Wie auch immer, bei der Debatte muß ich daran denken, wie mir neulich zufällig die Nachricht vom Tode meines Großvaters an der Ostfront im Jahre 1941 in die Hände fiel. Der war sowieso Leiche auf Urlaub, gehörte er doch zur sechsten Armee, das heißt: Anfang 1943 wäre in jedem Falle Sense gewesen - bei Stalingrad. Ein Hauptmann Sowieso faselte in dem Brief an meine Großmutter irgendwas von sauberem Durchschuß und schnellem heldenhaften Soldatentod ohne großes Leiden. Solche Briefe mußten damals hundertausendfach verfaßt werden, weil der Russe das deutsche Blitzkriegskonzept wohl nicht so richtig verstanden hatte. Aber den Landser, der tatsächlich durch einen sauberen Durchschuß sterben - also fallen - durfte, hat man bis heute nicht ermittelt. Die allermeisten sind elendig verreckt, krepiert, in Lazaretten dahingesiecht, häufig an den Folgen nicht ganz so sauberer Durchschüsse. Wie man so was hinkriegt, hat der Russe eben auch nicht gewußt. Die afghanischen Taliban oder ihre fundamentalistischen Brüder von der Al Quaida machen sich um solche Sachen erst gar keine Gedanken. Die Schmerzen eines sich in seinem Blute wälzenden und nach seiner Mama schreienden ungläubigen Kreuzritters sind für sie kein Thema.

Ergibt sich wieder eine Frage: Warum das Ganze? Aus welchem Grunde ist die Bundeswehr in Afghanistan? Um Deutschland am Hindukusch zu verteidigen? Über diesen Schwachsinn ist mittlerweile genug gelacht worden. Man muß zur Kenntnis nehmen, daß das afghanische Volk weder den Sozialismus noch die westliche Demokratie gebracht zu bekommen wünscht. Offensichtlich sind die Leute dort glücklich und zufrieden, einen herausragenden Beitrag zur Weltopium- und -koksproduktion leisten zu können und ihre Frauen zu unterdrücken und zu versklaven. Wenn dann der triste Alltag hin und wieder durch eine ordentliche Steinigung aufgelockert wird, ist die Welt in Ordnung, so wie hierzulande Samstag Abend bei der Sportschau. Man sollte das akzeptieren und die Truppen nach Hause holen. Nur wie soll man das denn nun begründen? Tja, das hätte man sich vorher überlegen sollen, worauf auch Clausewitz höchstselbst schon hinwies. Er schrieb: „Man fängt keinen Krieg an, oder man sollte vernünftigerweise keinen anfangen, ohne sich zu sagen, was man mit und was man in demselben erreichen will. (6)“

Daraus folgt zwingend, daß man ein Konzept haben muß für den Fall, daß man seine Kriegsziele nicht mehr erreichen kann. Wenn es für die Bundeswehr eines geben sollte, so hat es der große Feldherr Franz-Joseph Jung noch nicht verraten. Man darf also weiter gespannt sein. Voraussetzung ist natürlich, daß die Herrschaften im Berliner Bendlerblock - wie es unter Militärs so schön heißt - in der Lage leben, also wissen, was um sie herum passiert. Im Klartext: Sie müssen erkannt haben, daß sie die Sache da in Afghanistan, egal, ob Krieg oder nicht, keinesfalls mehr gewinnen können. Wie sagte doch Clausewitz: „… in so gefährlichen Dingen, wie der Krieg eins ist, sind die Irrtümer, welche aus Gutmütigkeit entstehen, gerade die schlimmsten. (7)“- was bedeutet, daß noch weitere deutsche Soldaten am Hindukusch sterben werden, wofür auch immer.

(1) Clausewitz, Carl v.: „Vom Kriege“; Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin 1957, S. 45
(2) ebd. S. 46
(3) ebd. S. 90
(4) Moltke, Helmuth von: „Aus den Verordnungen für die höheren Truppenführer vom 24. Juni 1869“ in „Kriegstheorie und Kriegsgeschichte“, Deutscher Klassikerverlag, Frankfurt/M. 1993
(5) Seeckt, Generaloberst von: „Gedanken eines Soldaten; Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1929, S. 109
(6) Clausewitz: aaO. S. 694
(7) Clausewitz: aaO. S. 18

(Jürgen Marschall)

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