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Tonspur

Tonspur vom 13.04.2015

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell - Nun bin ich wohl die offizielle Sufjan Stevens-Beauftragte der Musikredaktion. Ich habe Herrn Stevens viel gelobt, bewundert und ihm auch allerhand durchgehen lassen. Aber jetzt muss ich ihm leider mitteilen, dass das Timing für die neue Platte denkbar schlecht ist. Denn es ist Frühling, verdammt!
Aber noch mal von vorne. Dieser Sufjan Stevens ist ein völlig unvorhersehbarer Typ aus Michigan in den USA. Mit seinem zarten Stimmchen scheint er beim ersten Hören vielleicht noch harmlos, aber dieser Eindruck trügt vollkommen. Also wirklich. Stevens hat ein Konzeptalbum über eine Schnellstraße hinter sich, ein 27-minütiges Elektro-Stück auf einem sowieso erschreckend elektrischen Album, Kinderchöre, tausend Instrumente, gruselige Stücke über Massenmörder, Alben über US-Bundesstaaten, Konzerte mit Flügeln, Neon und Konfetti, wundervolle Stücke, die das Leben begrüßen, zwei prall gefüllte Weihnachtsboxen mit jeweils fünf CDs, Stickern, Liederbuch und die letzte dieser Boxen hat er dann auch noch elektrifiziert. Nach viel Wundervollem musste man immer irgendwie mit dem Schlimmsten beziehungsweise Abgedrehtesten rechnen. Meine Ideen für die nächste Platte gingen in die Ecke HipHop, Metal, Klassik oder einfach Crossover, schön Neunziger, wer weiß das schon. Aber mit einem konnte nun wirklich keiner rechnen, und dennoch ist dies nun das, was uns auf „Carrie & Lowell“ erwartet: Sufjan Stevens hat eine reduzierte Singer-Songwriter-Platte gemacht. Einfach so, nur mit Gitarre und seiner Stimme, und höchstens der Hauch eines Engelschores oder anderer Instrumente wird mal hinein- und dann auch wieder hinausgeweht. „Carrie & Lowell“ könnte direkter Nachfolger von „Seven Swans“ aus dem Jahre 2004 sein, und man könnte all den Wahnsinn dazwischen einfach vergessen. Kleine Anmerkung: Sollte man nicht, denn genau dieser Wahnsinn hebt Sufjan Stevens ja von den Heerscharen anderer Songwriter ab.
Nun ist es also da, in seiner Reduziertheit überraschend und doch einzigartig: „Carrie & Lowell“, Sufjan Stevens’ siebtes Studioalbum. Man kann es so ein bisschen nebenbei hören, und dann ist es ein nettes Album, schön, schnell verweht. Aber wer das wirklich denkt, der kennt Sufjan Stevens nicht. Wer so poetisch und unaushaltbar grausam und schön über Massenmörder John Wayne Gacy schreibt, der macht auch nicht „einfach nur“ ein Akustikalbum.
Carrie, das ist Sufjan Stevens’ Mutter, Lowell sein Stiefvater. Das Album erinnert an die wenigen Sommer, die Stevens im Alter von fünf bis acht Jahren mit den beiden in Oregon verbrachte. Viel mehr Zeit mit Carrie war ihm nicht vergönnt, denn die Mutter hatte die Familie verlassen, als er ein Jahr alt war. Die Ehejahre mit Lowell schienen ihre stabilsten gewesen zu sein: Sie litt an Schizophrenie, Depressionen und Alkoholismus, Sufjan Stevens wuchs nicht bei ihr auf, sondern bei Vater und Stiefmutter in Michigan. Das Verhältnis zur Mutter war stets schwierig. Im Jahre 2012 verstarb Carrie und wurde für Stevens vom Geisterhaften zum Geist. Die Verarbeitung ihres Todes resultierte zunächst in selbstzerstörerischen Tendenzen Stevens’, der sich auf destruktive Weise der unerreichbaren Mutter posthum annäherte, und letztendlich im neuen Album. Herausgebracht wird es wie immer über das Label „Asthmatic Kitty“, das unter anderem Stiefvater Lowell gehört, mit dem das Verhältnis bis heute freundschaftlich ist.
Das Album, wenn man dann mal hinhört, ist wahrlich nicht einfach zu verkraften. Wie Stevens Erinnerungen, schmerzhafte wie sentimental-schöne, textlich und musikalisch verarbeitet, das ist fernab von kitschig, kommt einem aber schmerzhaft nah. Es geht um Nähe und Distanz zur Mutter, um das, was hätte sein können, aber eben nicht mehr möglich ist. Und Stevens lässt einen dabei unfassbar nahe ran. Die leise Gitarrenbegleitung, man hatte ja fast schon vergessen, wie gut Stevens spielen kann, lässt seiner Stimme und den Texten viel Raum. Im Booklet sind alte Familienfotos von den Urlauben mit Carrie und Lowell zu sehen, und das passt sehr gut. Das Album anzuhören ist nämlich so wie alte Fotos aus glücklicheren Tagen anzusehen, mit diesem melancholischen Schleier, den Instagram mit all seinen ollen Filtern nie nachempfinden können wird, und der das Vergangene vor der Gegenwart schützt. Das Besondere dieses Albums liegt dann darin, wie nahe es einen in seiner Reduziertheit heran lässt. Und wenn es nicht noch dazu so schön wäre, dann wäre es ganz schön ernüchternd. Überhaupt: Ein Frühlingsalbum ist das nun wirklich nicht. Und ein Radioalbum erst recht nicht. Wir hören trotzdem was an. Sufjan Stevens vom Album „Carrie & Lowell“ mit dem Song „4th of July“.

(Laura Eigbrecht)

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