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Kommentar

Kommentar vom 01.12.2009

Ratz-WAZ zur Adventszeit - Dies ist eine traurige Geschichte der deutschen Medienlandschaft und keine Weihnachtsmär. Die Temperaturen sind für die Glühweinbesinnlichkeit zu warm, dafür weht in einigen Chefetagen ein schneidend kalter Wind. Handstreichartig wurde in der vorigen Woche der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine“ von der Geschäftsführung der WAZ gefeuert. Der Konzern sagt das natürlich nicht so, sondern verbreitet in gestelztem Politsprech, dass man für das Ehepaar Lochthofen jetzt Aufgaben hätte, die „den Kenntnissen und Fähigkeiten
entsprächen“. Was auch immer dem Leser damit vorgegaukelt werden soll: für solcherart Beförderung hätte man wohl das zwanzigjährige Dienstjubiläum des Blattmachers im Januar 2010 abwarten müssen.
Dieser schwarze Donnerstag für Thüringens größte Tageszeitung verleitete Spötter zunächst zu der Annahme, man hätte vielleicht aus Versehen den falschen Chefredakteur geschasst. Doch auch den humorvollsten Kommentatoren war das Lachen schnell vergangen.
Der Zeitpunkt für den Rausschmiss ist perfide gewählt und sendet zudem ein verheerendes politisches Signal. Gerade hat man sich noch der Wende-Ideale von 1989 erinnert und ungereifte Blütenträume beschworen, dann wird der profilierteste Zeitungschef Ostdeutschlands von Planspielern aus Essen entsorgt. Die Gründe liegen auf der Hand.
Der profitorientierte Content-Desk sollte auch bei der „Thüringer Allgemeine“ eingeführt werden. Gegen diese Anti-Qualitäts-Offensive hat sich Sergej Lochthofen entschieden und unbequem gewehrt. Bei Springer in Sachsen-Anhalt sind die Zeitungsleute da schon einen Schritt weiter: bei der „Mitteldeutschen Zeitung“ schaffen sie den
Content-Desk ab Januar 2010 wieder ab. Und falls sich der geneigte Leser fragt, was sich hinter diesem englischem Managerwort verbirgt, sei nur soviel verraten: für unabhängige Berichterstattung steht dieser Fachbegriff sicher nicht.
Das Signal dagegen ist eindeutig: Der Osten kann es nicht, und bekommt auch keine mediale Macht. Lochthofens Nachfolger wird Paul-Josef Raue: ein harter Sanierer der schon die „Volksstimme“ in Magdeburg ausdünnte und mit dem Stallgeruch des Ruhrpotts den WAZ-Essenern weniger Ärger macht als ein intelligenter Streiter mit östlichen und thüringischen Wurzeln. Und geht man nach den jetzigen
Erfahrungswerten der Raueschen Leitungstätigkeit, dann lagen Anzeigengeschäft und Redaktion öfter im unheiligen Bett.
Eine fast vergessene, unselige Fertigkeit der Ostdeutschen wird in den letzten Tagen allerdings reaktiviert. Man lernt wieder, zwischen den Zeilen zu lesen. Protestbriefe und Solidaritätserklärungen zur
Causa Lochthofen werden zwar vereinzelt und nicht titelgebend in der „Thüringer Allgemeinen“ publiziert, aber man ahnt die Ohnmacht und Ventilfunktion. Und wer glaubt, eine Zensur fände an diesem Ort und in diesen Zeiten nicht mehr statt, verkennt die Beißfertigkeit der
unlängst eingeführten ZGT-Geschäftsführer. Demokratie war gestern.
Natürlich sind Sergej und Antje Lochthofen keine Heiligen. Mancher Kollege wurde vor den Kopf gestoßen, die Autoritäten zu sehr ausgespielt. Doch das ist in der Presselandschaft Deutschlands leider Usus, und in der Mitarbeiterführung in Einzelfällen sogar notwendig.
Solcherart berechtigte Kritik ist keine Legitimation für Kreuzigung und Verbannung der Lochthofens. Denn am Ergebnis sollen sie gemessen sein. Und dieses Ergebnis ist eine bundesweit anerkannte, mit Preisen bedachte und innovative Tageszeitung im Herzen Deutschlands mitmarginalem Leserschwund und regionaler Akzeptanz.
Was lernt der allgemeine Thüringer aus diesem Vorgang? Du kannst alles richtig machen, eine gute Zeitung wirtschaftlich, anspruchsvoll und erfolgreich leiten. Beispielsweise. Du kannst sogar im hochkarätigen ARD-Presseclub wie ein Löwe für ostdeutsche Belange
kämpfen: doch die Impresarios sitzen woanders. Und wenn du nicht durch engere Reifen springst, dann geht’s ab in die Wüste. Oder kürzer gesagt: Eine ostdeutsche Medienvertretung ist momentan nicht gewünscht!
Wer glaubt, dies sei ein Problem der neuen Bundesländer, sei ungetröstet. Im ZDF will man den Nikolaus aus ähnlich gearteten Gründen auch nicht.
In beiden Fällen sei ermuntert, den trügerischen Weihnachtsfrieden temporär aufzukündigen.

(Matthias Huth)

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