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Kulturrückblick

Kulturrückblick vom 21.03.2016

Spurensuche Poesie und Thüringen auf der Buchmesse - Anmoderation:
Zeit für den Kulturreport dieser Woche... Im Studio ist Wolfgang Renner und er hat uns diesmal ein literarisches Thema mitgebracht Guten Morgen.


Gestern war Frühlingsanfang. „Er ist's“:

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Dieses kleine Gedicht ist von Eduard Möricke. Heute haben wir den Tag der Poesie, weltweit. Aber immer, wenn man mit einem Gedenktag offiziell an etwas erinnert, hat man es wahrscheinlich schon verloren... Wäre unser Leben von selbst poetisch genug, dann bräuchte man an eine Selbstverständliches auch nicht erinnern. Gedichtbände sind in unseren Buchhandlungen rar, die Auflagen verschwindend gering. Und viele Menschen fragen mittlerweile, wozu eigentlich braucht man noch Lyrik? Auch hat die Schule mit ihrer steten Forderungen nach Erklärung und Interpretation manchem den Spaß an Gedichten verdorben. Poesie jedenfalls steht mittlerweile unter einem Rechtfertigungsdruck.

Ich war am Wochenende auf der Leipziger Buchmesse. Pünktlich zuvor war ein Buch mit dem Titel „Stimmen aus Thüringen“ erschienen. Und diese Stimmen suchte ich nun - besonders die poetischen. Aber die sind auf der lauten Messe nicht allzu kräftig gewesen, weder die poetischen noch die Thüringischen.
Aber es gibt sie durchaus – ein paar Thüringische, wie den expandierenden Grüne Herz-Verlag aus Ilmenau oder der engagierte quartus-Verlag aus Jena und noch ein paar wenige Weitere, die sich zumeist in kleinen Winkeln der Messehallen verschanzten. Angenehm war die Präsentation des Weimarer VDG-Verlages.
Einst gab es einmal einen Gemeinschaftsstand Thüringer Verlage, der vom Wirtschaftsministerium gefördert worden war. Den aber suchte man diesmal vergebens. Dabei hätte gerade solch eine Gemeinsamkeit das „Literaturland Thüringen“, als das sich der Freistaat auch gern noch bezeichnet, viel besser repräsentieren können – bei aller Überschaubarkeit, aber auch Vielfalt und Breite dieser kleinen Szene hier – inmitten all der großen Player des deutschen Verlagswesens, die in einer ganz anderen Liga spielen...
Und es gibt auch sie – die Poesie; sie lebt, wenngleich sie nur von wenigen Liebhabern geschätzt wird. Verlage können sich Gedichtbände oft nur leisten dank einer „Querfinanzierung“ von Prosa-Bestsellern. Aber mutige junge Dichter sind unterwegs mit verlegerischen Experimenten und auch lokale Heroen verstecken sich in den Prosa-Bücherbergen. Das Poesiealbum vom Verlag Neues Leben, einst für 90 DDR-Pfennige erhältlich, ist wieder da: für nunmehr 4 Euro das schmale Heft...
Man muss schon suchen, aber man kann – wie gesagt – jene Literatur, die das kunstvolle Spiel mit Worten betreibt, durchaus finden, selbst in unserer prosaischen Zeit, die voll von atemloser Sprache ist und deren Wortschatz schwindet, wenn es gilt Stimmungen, Empfindungen zu beschreiben. Ein Lyriker, befragt auf einer der vielen Messe-Talk-Runden, ob man denn von Gedichten leben könne – antwortete mit der Gegenfrage: ja, kann man denn ohne sie leben? Demnach brauchen doch noch einige Menschen Gedichte und die Poesie als Lebensmittel.
So wie Rainer Maria Rilke, der sein Gedicht „Archaischer Torso“ eigentlich der Bildhauerkunst gewidmet hat, aber ebenso für die poetischen Wortkünste stehen mag:

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.


Abmoderation:
Zwei Gedichte zum Tag der Poesie heute, und eine Spurensuche nach Büchern aus Thüringen auf der Leipziger Buchmesse, die gestern zu Ende ging...
Das war der Kulturreport von Wolfgang Renner.

(Wolfgang Renner)

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