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Kulturrückblick

Kulturrückblick vom 01.08.2016

Sommer open airs von Tiefurt bis Auerstedt - Sommer ist. Und es sind Theater- und Orchesterferien; die Kultur ist auf Reisen. Oder zumindest unterwegs nach draußen, an die frische Luft, zu den lauschigen Flecken in der Natur, wo gute Unterhaltung möglich ist.
Freiluftveranstaltungen hieß so etwas früher, jetzt: open air.
Sommerzeit ist open air-Zeit. Und es ist noch gar nicht so lange her, da beklagte man sich in Weimar über eine so genannte „Saure Gurken-Zeit“ in den Ferien. Das ist mittlerweile vorbei; und der Veranstaltungskalender ist prall gefüllt. Aber gleichzeitig, unmerklich fast, verändern sich diese open airs auch schon wieder. Da gibt es vor allem zwei Feinde für die kulturellen Begegnungen draußen, unter freiem Himmel, und sie werden zunehmend spürbarer:

Da ist zum einen uns jetzt die Gefahr terroristischer Anschläge bewusst geworden. Was bisher kein Thema in Weimar schien, das haben die Nachrichten der letzten Wochen verändert. Und bei Großveranstaltungen, wie spätestens beim Zwiebelmarkt im Herbst, wird die Sorge diesbezüglich wachsen.
Aber es gibt da auch noch eine ganz andere Sorge, die uns die Freude am open air verdirbt: Der Klimawandel mit all seinen kleinteiligeren, unvorsehbaren Wetterlagen, mit sehr viel mehr Wind als früher und auch mit unwägbaren Regenfällen, wie sie der Wandel uns bisher brachte. Da wurden in diesem Sommer schon manche große Festivals abgesagt wegen Gewitterwarnungen oder umstürzender Bäume.
Das kommerzielle Risiko solcher Veranstaltungen wächst ständig.

Da sind zunehmend aber auch kleinere Initiativen und Vereine, die im Sommer ihre Räumlichkeiten verlassen Das Auerworld-Festival zum Beispiel – es sollte am Wochen ende stattfinden und wurde abgesagt, weil die Wiesen auf dem Festivalgelände überschwemmt waren. Für solche nichtkommerziellen Initiativen wirken Ausfälle mitunter dann verheerend, weil sie die im Vorfeld entstandenen Kosten hernach kaum noch kompensieren können.
Das Auerworld-Festival hat zudem die Besonderheit, dass es sich auf ein so genanntes Crowdfunding stützt. Das heißt, Freunde des Festivals sind in Vorkasse gegangen, weil dadurch Leistungen vorfinanziert werden können und die Veranstalter auch besser abzuschätzen vermögen, wie viel an Musik und Pogramm man sich – auf Grundlage eingegangener Gelder – leisten kann.

Jetzt gab es aber in Auerstedt für all die, die für das Festival schon bezahlt haben, keine entsprechende Gegenleistung mehr. Und damit gelangen die Veranstalter in eine juristische Grauzone, die sich eigentlich nur dadurch auflösen ließe, wenn die Vorabgeldgeber sich als Spenders verstehen, und ihre Spende nicht mit einem Tauschgeschäft verbinden...

Ein weiteres – wenngleich noch nicht absehbares – Problem werden die Folgen des Ausfalls im nächsten Jahr bringen, weil dann das Crowdfunding wahrschenlich sehr viel geringer ausfallen wird als bisher.
Und ebenso fatal ist ein nichtmaterieller Aspekt dabei: Gerade solche Festivals, wie Auerworld, bringen Innvoationen in die Szene. Da werden neue Formen und Möglichkeiten probiert. In Auerstedt kann man – wenn denn das Festival stattfindet – zugleich an einer Vielzahl an Workshops und Kursen teilnehmen: von Yoga bis Massage, von Nähen bis zum Kleidertausch, von Tänzen bis zum Wandern... Die Kombination von Independent Music, Performances und einem Podium für neue Bands oder von Begegnung, Relaxen, Essen, Weidenruten-Architektur sowie Kursen, die finde ich schon bemerkenswert.
Da steckt ein neuer Geist drin...

Den ich beispielsweise bei einem anderen Thüringer open air mittlerweile vermisse: Ich spreche von der Kulturarena Jena. Dieses Festival war ursprünglich angetreten, um all jenen Thüringern, die sich große Reisen in die weite Welt nicht leisten können, ein Stück Welt und Kultur hereinzuholen nach Jena, und kostengünstig anzubieten. Das Programm der Kulturarena ist nach wie vor sehr gut, nur der Geist hat sich eben gewandelt.
Als ich am Donnerstagabend beim Konzert des Weltstars John Mc Laughlin und seiner Band war, da habe ich keine jungen Leute mehr im Publikum gesehen.
Mc Laughlin gilt ja als der Gitarrist des Rock- und Fusion-Jazz mit den schnellsten Fingern in der Welt. Auf der Bühne also eine hoch perfektionierte Musik, zudem ein durchaus auch spirituell angelegtes Programm – aber das Publikum kam, um sich zu treffen und sich zu unterhalten: Ein Meer von Schwätzern ringsum, während des Konzertes.
Da hätte ich mir plötzlich einen erfrischenden Regenguss gewünscht, der für etwas mehr Stille gesorgt, und sich wohl keinesfalls verheerend für das Festival ausgewirkt hätte...

Ein drittes open air habe ich am Wochenende auch noch besucht: Das Sommertheater in Tiefurt. Aufgeführt wurde das Singspiel „Erwin und Elmire“, Text Johann Wolfgang Goethe und Musik – bemerkenswerter Weise – von Herzogin Anna Amalia. Ein simples, sehr durchsichtiges, Stückchen von verschmähter, verzehrender und letztlich wiedergefundener Liebe. Dazu eine charmante Musik und ein großes Engagement und ein toller künstlerischer Einsatz zweier Sängerinnen, zweier Sänger und einem Musikertrio.
Und gerade das Engagement macht das Thetaer da draußen liebenswert – in einer wundervollen Kulisse zwischen sparsamem Bühnenbild und lebendiger Schafherde auf der weiten Ilm-Aue dahinter. In der Pause gibt es Fettbrot und Holunderbrause, auf dem Heimweg ist der Park illuminiert – alles wunderschön und stimmig. Da braucht es unbedingt die freie Natur zum Erfolg.

Aber auch die Tiefurter hatten Pech: am Freitag regnete es und man musste in den Saal ausweichen, womit das Singspiel viel an Charme verliert.
Am Sonnabend aber, zur letzten Aufführung, waren die Akteure im Glück: Das Wetter spielte mit, alles war schön, und alles war begeistert.
So ist der Wettergott mittlerweile ein wichtiger Mitspieler bei den Kulturveranstaltungen geworden, von denen wir in Weimar ja noch einige als open air in diesem Jahr erwarten – und die dann hoffentlich aggressionsfrei und auch sonnig noch über die Bühnen gehen können...

(Wolfgang Renner)

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