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Kommentar

Kommentar vom 31.05.2002

Goethes Jagdhorn - Es wird schon wieder zur Hatz geblasen. Die Goethe-Gesellschaft hat unter assistierender Mithilfe einer Tageszeitung ein Opfer gefunden: Professor Lothar Ehrlich. Der wiederum soll Opfer gemacht haben im Dienste der Stasi. Das ist zwar in Weimar schon seit 1995 sattsam bekannt, aber manchmal kann man ja auch was aufwärmen. Beispielsweise wenn Wiedervereinigte oder immer Zu-Kurz-Gekommene der Futterneid packt. Die Goethe-Gesellschaft stellt sich langsam ihrer Vergangenheit. Das war auch ein dringendes Verdikt vom Präsidenten der Stiftung Weimarer Klassik, Hellmut Seemann. Der hatte Ehrlich kürzlich gebeten, den vakanten Direktorposten des Goethe-Nationalmuseums zu übernehmen. Und Ehrlich erklärte sich nach Zuspruch von Land, Ministerien und anderen Entscheidungsträgern zögerlich bereit, diesen schwierigen Posten zu übernehmen. Nach Bekanntwerden seiner angeblichen Stasiverstrickungen vor rund zehn Jahren war der Mann erstmal von seinem stellvertretenden Stiftungsposten in die Forschungsreihe zurückgetreten und hatte seinerseits versucht, Vergangenheit aufzuarbeiten. Auch nach dem aktuellen Blasen des öffentlichen Zeitungsposthorns steht Seemann noch voll hinter Ehrlich. Das nennt man Loyalität, eine Eigenschaft, welche nicht alle westlichen Förderer Ehrlichs besitzen.

Nun gibt es neue Richter der Vergangenheit und sie arbeiten mit alten Methoden. Denn ein Verdacht kratzt immer schnell am Ostruf, und noch immer sind viel zu viele Gremien nach innerer Ansicht solcher Verfasser mit Einheimischen besetzt. Zur Klarstellung: Selbstverständlich befürworte ich die vollständige Aufarbeitung der Stasivergangenheit, dafür bin ich mit vielen anderen 1989 auf die Straße gegangen. Aber Friedrich Schorlemmer spricht auch von der biblischen Tugend des Verzeihens. Sünder, die Buße getan haben darf man nicht für immer mit Kainsmalen versehen. Und ob Ehrlich wirklich zur Kategorie der Sünder gehört, ist weder bewiesen, noch aufgeklärt. Denn wenn wie in Halles Umgebung, ein solches Kains-Mal einen Selbstmord nach sich zieht, dann waschen die Prangerer ihre Hände still in Unschuld.

Ob also Ehrlich ein Judas oder ein Jesus war, wird genauere Recherche erweisen. Bis dahin sollte aber mit Augenmaß publiziert und angeprangert werden. Denn der Stasivergangenheit ist nicht mit plakativen Verurteilungen beizukommen.

Was aber an der Presse-Kampagne samt Elephanten-Podium nachdenklich stimmt, ist, dass bei der Hatz mit zweierlei Mass gemessen wird. Denn als 2001 im MDR die Stasi-Verstrickungen exponierter Vertreter berechtigt hochkochten, weil sich die Vergangenheitsbewältigung einiger Leute im permanenten Verdrängungsprozeß befand, da übte sich nämliche Zeitung in starker Zurückhaltung. Da gab es wohl auch eine Anweisung von höchster Stelle. Sonst käme gar ein recherchierender Jäger auf den Gedanken, solche Fragen in Thüringens Zeitungslandschaft zu stellen. Und würde vielleicht fündig werden...

Trara zur nächsten Kampagne?

(Matthias Huth)

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