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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 11.11.2008

Zvi Kolitz: Jossel Rakovers Wendung zu Gott - Allein der Titel dieses Hörbuchs erweckt den Anschein, man bekäme es gleich mit einer Sammlung jiddischer Anekdoten zu tun, die, schon so oft gehört, beinahe kaum noch etwas lustiges bieten. Doch kaum hat man die Starttaste gedrückt, wird recht schnell klar, lustiges ist hier sowieso nicht zu erwarten. Vielmehr nachdenkliches.

Jossel Rakover ist Zionist und schreibt eine Art Testament auf einige kleine Zettel, eigentlich nichts ungewöhnliches, doch Jossel sitzt nicht einfach daheim in der Küche, sondern er sitzt in einem abgedunkelten Zimmer eines vom Einsturz bedrohten Hauses im Warschauer Ghetto. Neben ihm liegen einige Leichen von Männern, die seit Tagen gemeinsam mit ihm aus diesem Zimmer heraus die deutschen Besatzer beschossen und dabei ihr Leben verloren.

Jossel ist der letzte Überlebende des Hauses, sein Munitionsvorrat beschränkt sich auf drei Flaschen Benzin. Eine davon wird Jossel, wenn er dieses Testament zu Ende geschrieben hat, über sich selbst ausgießen. So wird der Tod schneller kommen, wenn die Deutschen das Haus bombardieren.

Dieser Text von Zvi Kolitz, der 1912 in Litauen zur Welt kam und den es später nach New York verschlagen hatte, ist beinahe ein religions-philosophisches literarisches Werk. Dieses Testament ist kein authentisches historisches Dokument, denn es ist ein Kunstwerk. Zvi Kolitz lässt hierin einen Juden mit Gott sprechen, lässt ihn in gewisser Weise vor dessen Tod noch einmal beten, aber nicht beichten. Jossel Rakover liefert kein Schuldeingeständnis, und wenn doch, dann ein sehr hinterfragendes. Warum, fragt Jossel, verschließt der Gott, an den er doch so viele Jahre lang glaubte, und auch weiterhin glauben wird, vor dieser menschlichen Misere die Augen? Warum, fragt Jossel, passiert dies alles. Dieses Testament des bis zum letzten kämpfenden und sich aufbäumenden Jossel Rakover ist eine Abrechnung mit Gott.

Am Ende des Hörbuchs folgt ein vom FAZ-Journalisten Paul Badde gezeichnetes biografisches Bild des Autoren. Unter anderem ist dabei einiges Wissenswertes über die jüdischen Gemeinden im Baltikum zu erfahren und über die Rezeption Zvi Kolitz' in der literarischen Welt.

Alles in allem, wer sich eine Stunde Zeit nehmen möchte, sich mit jüdischer Geschichte, mit jüdischer Religion befassen möchte, denen sei dieses Hörbuch empfohlen. Für Nebenbei ist es allerdings nichts. Man sollte sich schon eine ungestörte ruhige Stunde Zeit dafür nehmen. Der CD liegt außerdem ein 24seitiges Heft bei mit einem weiteren Nachtrag Paul Baddes über Zvi Kolitz und mit Grafiken des New Yorker Zeichners Tomi Ungerer.

Gelesen wird das Ganze übrigens von Traugott Buhre (Salzburger Festspiele, verschiedene Tatort-Krimis, Kinofilm "Anatomie")

Jossel Rakovers Wendung zu Gott
von Zvi Kolitz
gelesen von Traugott Buhre
erschienen bei DIOGENES Verlag Zürich
1 CD, 60 Minuten
ISBN-13: 978-3257800128
Preis:17,90

(Shanghai Drenger)

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