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Kommentar

Kommentar vom 09.08.2002

So weit die Füße tragen - Das Kunstfest Weimar 2002 hat begonnen
Immer wieder mal soll es ja vorkommen, dass jemand irrtümlich für tot erklärt wird. Und plötzlich springt der Aspirant für ein schönes Begräbnis munter von der Bahre und läuft zurück ins Leben. Ein solches pathologisches Missverständnis widerfährt regelmäßig auch dem Kunstfest Weimar, seitdem die halbe Stadt wenigstens von ihm erwartet, ein komprimiertes Kulturstadtjahr Europas zu mimen.

Im dreizehnten Jahr seiner Existenz hat es sich nun deshalb, mit selbstironischer Distanz, zum Scheintoten erklärt. Bundesweit werben über fünfzehntausend Plakate für das Festival, auf denen sich zwei Füße dem Betrachter entgegen strecken, in Leichenmanier, gefesselt obendrein. "Mind your steps" warnt ein am großen Zeh baumelndes Schildchen, sowie, etwas kleiner, für Feingeister: "Attention à vos marches". Gut Weimarisch heißt das soviel wie: Guck hin, wo de latschen tust.

Die Bitte, seine Schritte mit Vorsicht zu setzen, ist wohl eine mehrfache. Sie richtet sich zweifellos an jene, die ab 2003 die Kunstfest-Geschicke zu bestimmen haben. Und sie galt ganz akut schon am Mittwoch, als zum Straßentheaterfest in die Weimarer Innenstadt geladen wurde und das Kunstfest 2002 damit begann. Neun internationale Ensembles bestritten das Spektakel, mit zwölf höchst unterschiedlichen Programmen. Diese traditionell volksnahe Eröffnung repräsentierte in ihrer Vielstimmigkeit jene ambivalenten Anforderungen, denen das Festival nun vier Wochen lang gerecht werden muss: Geistvoll und unterhaltend soll es sein, Kopf und Herz bewegen, das lokale und regionale Publikum ebenso mobilisieren wie die Kulturtouristen. So weit die Füße tragen.

Der Programmschwerpunkt auch in diesem Jahr: Tanztheater in der Viehauktionshalle. "Um wenigstens in einer Sparte sichtbar zu bleiben", macht die Kunstfest-GmbH mit Ralf Schlüter an der Spitze hier eine konzeptionelle Tugend aus der Not, mit einem Gesamtetat von etwa 1,2 Millionen Euro deutlich unterfinanziert zu bleiben.

Die Companys aus New York, Barcelona, Lissabon oder Israel werden mit den Besonderheiten ihrer ästhetischen wie geographischen Herkunft eine allgemeine Verständlichkeit erreichen, die in Weimars Zentrum treffen dürfte. Schon deshalb ist es fraglich, dem Festival mangelnde Ortsbezogenheit zu attestieren, wie es immer wieder zu hören ist. Das Kunstfest schließlich sollte dazu dienen, die eigene Kultur produktiv mit dem Fremden zu infizieren, anstatt den eigenen Mustopf aufzukochen.

Das sogenannte "Neue Kunstfest", mit dem die großen Kulturinstitutionen der Stadt ab dem nächsten Jahr "Weimar als Gesamtkunstwerk" verkaufen wollen, zum Zwecke der eigenen Profilierung, darf mit 250.000 Euro Bundesförderung rechnen. Größere Strahlkraft wird als Gegenleistung erwartet, was auch immer das meint. Kulturstaatsminister Nida-Rümelin wusste dazu kürzlich in Weimar nicht mehr zu erklären außer: "The proof of the pudding is in the eating." Mahlzeit.

Diverse Namen werden gehandelt für die künstlerische Leitung der Zukunft; Nike Wagner etwa wurde mal im Rathaus gesichtet. Es muss indes bezweifelt werden, daß sich Köpfe von Rang einem Defacto-Diktat des Kunstfest-Beirates unterziehen werden. Die Zeiten der künstlerischen Autonomie jedenfalls sind mit diesem Kunstfest wohl passé.
Goethe übrigens wusste noch, worauf Kunst gut verzichten kann. In seinen Maximen und Reflexionen lesen wir den Kommentar zur Kunstfest-Zukunft: "Das sogenannte Aus-Sich-Schöpfen macht gewöhnlich falsche Originale und Manieristen."

Viel Spaß noch!

(Michael Helbing)

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