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Buchrezension

Buchrezension vom 10.10.2008

Othmar Plöckinger: Gübichingen - «Gübichingen» ist ein Roman, der auf den ersten Blick von reiner Schreiblust lebt, sich aber auf den zweiten Blick als weit ernsthafter erweist, als zunächst angenommen. Wirklichen Tiefsinn mag man zu Beginn der Lektüre zunächst vermissen, jedoch ist das Buch keine Reihe gehobenen literarischen Unfugs, sondern ein durchaus gut konstruierter, allerdings fröhlich dahingeschriebener Text. Seine Seiten werden von absurden Handlungen und skurrilen Figuren gefüllt - es geht um den immerwährenden Kampf von Obst gegen Wurst!
Doch nein, es geht um noch viel mehr, denn Schauplatz der tiefaufgerissenen Gräben zwischen Schweigen und Schwatzen, der Gegensätze von Stabreim und Endreim, der schrecklichen Trennung von Literarischem und Kulinarischem ist der Ort «Gübichingen».

Nach Prolog und Einleitung stürzt man sogleich hinein in einen dieser Gräben und über schichtweise geradezu kriminal-archäologisch aufgedeckte Kulturablagerungen - der Text ist in der Wir-Form gehalten und macht den Leser somit zum Entdecker. Man lernt im Verlauf der sich stetig zuspitzenden Handlung alle (mehr oder minder bewußt) agierenden Personen kennen, bis sich endlich zwei unscheinbare Dorfbewohner als die eigentlichen fädenziehenden Wiedergänger einer dunklen Vergangenheit offenbaren. Da lesen wir, wie eine jahrhundertealte Zwietracht aufrechterhalten wird, wir dürfen zwei weitere Protagonisten in ihre Einsicht begleiten, eine alte Schuld begleichen zu müssen.

Nebenher gibt es quasi-wissenschaftliche Abhandlungen über die Würstlkreuzler - wenn man schonmal in Abhandlungen über die Templer und das Rosenkreuzertum hineingelesen hat, dann bricht man hier in hemmungsloses Lachen aus - und ein unglaublich ausführliches - um nicht zu sagen geschwätziges - Kapitel wider die Geschwätzigkeit! Herzerfrischend sind allein schon Kapitelüberschriften wie: «Die Erstbesteigung des Würstlberges», «Arthur Tauchinger erhascht einen Zipfel der Geschichte und zieht heftig daran» oder «Der Ritt über den Erdbeersee».

Dabei baut sich vor dem inneren Auge des Lesers ein buntes Dorfleben voller verschrobener Menschen auf, Theaterfiguren gleich, die entweder einem inneren Antrieb folgen, aus Überzeugung handeln oder eine feste Funktion haben in diesem Bestimmungsgefüge, wie z.B. eine Lisl vom Würstchenstand, die sich auf keinesfalls zufällige Gespräche mit ihren Kunden einläßt und uns eins ums andere Mal mit geradezu philosophischer Weitsicht überrascht und uns Fragen von großer Dimension und Relevanz in einfachen Worten erklärt - anhand von Bratwurst und Grill.

Und immer wieder werden Trennungen beschworen, die in Wahrheit doch Zusammenhänge sind. Einer, der Handies stiehlt und zerstört, verschwindet und taucht wieder auf. Eine Sau wird durchs Dorf getrieben. Haustiere verschwinden unter mysteriösen Umständen. Ein Rentnerpaar spielt mit dem Gedanken, sich einfrieren zu lassen. Alles bleibt vielschichtig in Gübichingen, bis am Ende alles zusammenfindet - oder doch nicht?

Othmar Plöckinger, Autor, lebt in Österreich, ist zudem Germanist und Historiker und benutzt den wahren Kern von Historie, um uns einen absurden Roman drumherum zu schreiben. Dabei zieht er sogar Methoden und Formen wissenschaftlicher Arbeit heran. Oder er nimmt Horror-(Klischee-)Elemente auf, indem er eine «düstere Wolke des Verderbens» über einem Ort heraufziehen läßt - zu verweisen wäre da vielleicht auf amerikanischen Kleinstadt-Horror à la Stephen King («Needful Things»). Das alles ist urkomisch, denn in Wahrheit passiert nichts wirklich welt- oder dorfbewegendes, nur der alltägliche Wahnsinn - für gewöhnlich gebauscht und dramatisiert. Spannend ist Plöckingers literarischer Kunstgriff, Handlungen sich stets überschneiden zu lassen, Ereignisse werden rückblickend, aus anderen Perspektiven neu oder fortschreitend erzählt.

Das Buch «Gübichingen» hat mich wohlunterhalten und gänzlich amüsiert - im positiven Sinne. Allerdings, ein gewisser «Unerbittlicher» und sein Freund - beide bringen in Gübichingen die Steine erst ins Rollen - sie werden eingeführt, aber bleiben unklar und weitestgehend unbeschrieben, ihr Verbleib im weiteren Verlauf der Geschichte unerwähnt. Wenn das vom Autor beabsichtigt war, so erscheint es doch nicht ganz schlüssig. Gegen Ende läßt das Buch sprachlich gelegentlich auch etwas nach, insbesondere im Kapitel «Gemetzel am Zwetzschgenberg». Hier fällt eine übermäßige Häufung des Wortes «manniglich» auf. Der Text wirkt leicht schwülstig, der Schwung des Anfangs scheint vorbei und dreht noch ein wenig nach, und es fehlt an historisch-ironischer Distanz, liebgewonnener Formulierlust und plöckingerschem Wortwitz - letzterer ist hier eher vordergründig und kann nicht mehr ganz überzeugen.

Wie schon erwähnt, das «Wir» des Textes nimmt den Leser mit und verschwört ihn zugleich, bindet ihn an die Vorgänge, läßt ihn schonmal mitwissen, bevor er etwas weiß. Und macht ihn zum Entdecker der eigentlichen Geheimnisse des Ortes «Gübichingen». Eine Frage bleibt: Wo ist die reale Vorlage von «Gübichingen» und dem Vorgang der «Rituellen Stopfung» zu finden? Vielmehr: Gibt es eine? Ist sie gar in der bayerischen Hauptstadt München und ihrem Vorort «Wiesn» zu suchen? Ist es vielleicht Tübingen, in dem schon immer ähnlich harte Schlachten geschlagen wurden? Oder ist es doch ein Ort, von dem wir nie etwas gehört haben, weil er, wie einst «Germelshausen», schließlich doch unterging und wir uns nur noch als letzte überkommenene Quelle auf Plöckingers Text berufen können? Wir werden es nicht erfahren.

(Charles Ott)

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