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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 12.08.2003

Eric Ambler: Nachruf auf einen Spion - Joseph Vadassy ist plötzlich ein Spion. Er sitzt 1937 in einem kleinen Ort an der französischen Riviera, will Urlaub machen, ist eben noch Tourist, fotografiert aus einer Laune heraus eine Eidechse und ist schon Spion, denn auf besagtem Film mit 27 mal Eidechse finden sich auch Aufnahmen von äußerst geheimen, weil militärisch wichtigen Hafenanlagen. Vadassy wird verhaftet, es drohen ihm Gefängnis und Deportation nach Jugoslawien, dessen Bürger er ist und auch wieder nicht mehr ist, denn eigentlich ist er Ungar. Ein äußerst unsympathischer Polizist hat ihn von nun an in seiner Gewalt. Er wird zum Spielball von Leuten, die im Hintergrund bleiben, er verflucht sein Schicksal, er verzweifelt in seiner Rolle als unschuldiges Opfer.

Das Hörspiel "Nachruf auf einen Spion" von Walter Adler nach einem Roman von Eric Ambler vermittelt auf sehr lebendige Weise die Situation, in der sich Europa kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges befand. Niemand konnte sicher sein, dass sein Leben in den bisher eingeschlagenen Linien verbleiben würde. Und trotzdem versuchen die Gäste, die im Hotel Reserve zusammengekommen sind und zu denen auch Joseph Vadassy gehört, genau das, sie versuchen die Unwägbarkeiten, die Ängste, den gefährlichen Strudel, in den das Europa des Jahres 1937 geraten ist, zu ignorieren und einfach Urlaub zu machen. Da haben wir einen kauzigen Schweizer, der gerne Ping Pong spielt, ein amerikanisches Geschwisterpaar, das sich über alles und jedes lustig zu machen scheint, einen uralten tattrigen Engländer, der sich ständig duellieren würde, seiner verletzten Ehre wegen, wenn nur nicht Damen anwesend wären, es gibt einen Deutschen, der nie im Meer badet und unseren Protagonisten, einen staatenlosen Ungarn, der in einer französischen Schule Deutsch, Englisch und Italienisch unterrichtet.

Joseph Vadassy hat die Rolle des unschuldigen Opfers inne, das nur durch unglückliche Umstände in eine ausweglose Situation geraten ist. All sein bisheriges Bemühen unauffällig zu bleiben, sich aus allem heraus zu halten, bis die Zeiten wieder sicherer werden, hat nichts genützt. Vadassy muss jetzt aktiv werden. Er bekommt die Chance dazu von der Polizei. Die muss er nutzen.

Wer Walter Adler als Hörspielregisseur kennt, der weiß, wir haben es hier mit einem Stück zu tun, dass den Hörer packen wird. Die Musik, hintergründig und den Spannungsbogen unmerklich aber wirkungsvoll unterstützend, die Geräusche perfekt platziert, das Aufziehen einer Schublade, das Aneinanderklacken von Billardkugeln, das Singen einer Grille und nicht zuletzt die Sprecher, die Adler immer als Schauspieler fordert und die nach seinen Worten zu Dingen fähig sind, die er sich nicht träumen lassen hätte. All dies wird in Nachruf auf einen Spion zu einem Guss, zu einem Hörstück höchster Qualität.

"Nachruf auf einen Spion", Hörspiel von Walter Adler, ist eine Produktion des WDR von 1992 und wird bei Ohrangeade ab kommenden Sonntag 20.00 Uhr in drei Teilen gesendet.

(Kathrin Witte)

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