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Theaterkritik

Theaterkritik vom 09.09.2010

Kaspar Häuser Meer - Langes weißes T-Shirt, graue Hose, graue Gummistiefel. Im Einheitslook stehen die drei Sozialarbeiterinnen vor der blauen Riesenmatte, dem einzigen Requisit auf der Bühne. Und sie reden unzusammenhängendes Zeug, endlos wiederholende Phrasen, irgendwie wirr und viel zu schnell, aber genau so will es die Autorin Felicia Zeller. Miteinander reden Anika, Barbara und Silvia (dargestellt von Nina Mariel Kohler, Petra Hartung und Ulrike Knobloch) aber kaum, eher aneinander vorbei oder vor sich hin.

Schnell wird klar, dass die drei Sozialarbeiterinnen völlig überfordert sind. Nachdem sich der Kollege Björn, der sinnigerweise am Björn-out-Syndrom leidet, krank gemeldet hat, haben sie noch mehr Fälle zu bearbeiten. Körbeweise werden kleine Puppen auf die Matte geschüttet, jede ein hoffnungsloser Fall, für den man eigentlich eine Lösung finden müsste. Aber nach jahrzehntelangem Kampf zwischen asozialen Eltern, nachbarlichen Denunzianten und immer neuen behördlichen Vorschriften haben sie resigniert und lassen sich ebenfalls auf die Matte fallen; und werden dabei immer mehr blau angefärbt. Immer deutlicher wird auch wie die frustrierende, zu nichts führende Arbeit auch an der Persönlichkeit nagt. Barbara träumt vom Urlaub in der Karibik, Silvia hat ein Alkoholproblem und Anika schreibt endlose Berichte, vernachlässigt aber selbst ihre Tochter. Zwichendurch giftet man sich gegenseitig an und unterzieht sich gleich darauf absurden Antistressübungen.

„Kaspar Häuser Meer“ ist ein Stück fast ohne Handlung, aber mit sehr viel Text, den man wiederum nicht als Dialog bezeichnen kann, denn es ist ein einziges Aneinandervorbeireden. Es wird versucht, das Nichthandeln zu erklären oder wenigstens vor sich selbst zu rechtfertigen. Somit ist das Stück auch eine Zustandsbeschreibung einer Arbeitswelt, wie sie schon zu Kafkas Zeiten herrschte. Eigentlich herrscht Stillstand, aber das darf niemand mitbekommen und deswegen muss ein sinnloser Aktionismus vorgeschoben werden. Kein Wunder, dass in diesem Kreislauf des Irrsinns auch der Wohlmeinendste zum Zyniker werden muss. Und so bleibt auch den drei Sozialarbeiterinnen nur die hilflose Erklärung, dass alle anderen im Grunde Idioten sind: sowohl die asozialen Eltern als auch die unfähigen Politiker mit immer neuen unsinnigen Gesetzen.

Insgesamt ein schwieriges Stück, das einen begeistern oder abschrecken kann. Es kommt ganz auf die Perspektive des Zuschauers an.

Kaspar Häuser Meer (Felicia Zeller)
Regie: Maik Priebe
Premiere: 05.09.2010, Weimar, DNT, foyer III

(Oliver Kröning)

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