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Kommentar

Kommentar vom 19.10.2010

Ist Theater systemrelevant? - Es ist mal wieder soweit: das Schreckgespenst von der drohenden Kulturverödung geht um. In Thüringen ist die Finanzierung der Theater und Orchester nur bis 2012 gesichert. In Sachsen und Sachsen-Anhalt ist die Situation ähnlich. In Sachsen sollen die Zuschüsse für die Theater halbiert werden. Und in Sachsen-Anhalt stehen Bühnen in Halle und Dessau auf der Kippe. In Thüringen ist es noch vergleichsweise ruhig, aber der Theaterverbund Gera-Altenburg ist eine finanzielle Schieflage geraten, was sicherlich nicht ohne Folgen bleiben wird. So weit, so schlimm.

Nun kam es gestern in Leipzig zu einer ersten Demonstration von Mitarbeitern der Theater aus Mitteldeutschland. Betriebs- und Personalräte der Theater fordern einen Rettungsschirm, ähnlich dem für die Banken, da auch der Kulturbetrieb systemrelevant sei. Das haut nun wirklich den abgebrühtesten Beobachter vom Stuhl. Dass sich Kulturschaffende mit kriminellen Bankern vergleichen, ist deren Problem. Kultur aber als systemrelevant zu bezeichnen, ist infam. Es wäre Aufgabe der Kulturschaffenden, permanent darauf aufmerksam zu machen, dass wir in einem Schweinesystem leben, das bekämpft und überwunden werden muss. Wer seine Kulturarbeit aber als systemrelevant bezeichnet, ist nichts weiter als eine Made, die sich bequem im Speck eingerichtet hat. Solche Kulturschaffenden brauchen wir nicht, denn sie begehen Verrat an der Sache. Offenbar ist keine Floskel, kein Textbaustein zu doof, um in die Diskussion um mehr Geld geworfen zu werden. Wie bitte kann man Brecht, Jelinek, Fo, Sartre und Pinter aufführen und gleichzeitig von Systemrelevanz schwafeln?

Man muss im übrigen auch den Fakten ins Auge sehen können. Deutschland hat die größte Theaterdichte der Welt; Mitteldeutschland die größte in unserem Land. Gleichzeitig sorgt die demographische Entwicklung dafür, dass Städte wie Gera und Altenburg 40% ihrer Einwohner seit dem Mauerfall verloren haben. Tendenz: weiter stark fallend. In Zwickau, Görlitz oder Dessau sieht es ähnlich aus. Diese Realität kann auch von Theaterleuten nicht geleugnet werden. Es gibt Inszenierungen, die einmal vor 150 Besuchern gespielt werden und keine zweiten Aufführungen folgen. Wo bleibt hier eine Kosten-Nutzen-Analyse? Die Theater müssen für ihre Existenzberechtigung schon gute Argumente vorbringen. Und das beste Argument sind gute Stücke.

Ende Oktober wird in Weimar endlich wieder einmal ein Drama von Jean-Paul Sartre, dem bedeutenden Existenzialisten, gegeben. Dafür ist das DNT zu loben. In einem anderen Drama Sartres verkündet der Tyrannenmörder: „Der feigste aller Mörder ist der, der bereut“. Das ist richtig, genauso richtig wie: Der feigste aller Kulturschaffenden ist der, der für seine Arbeit eine Systemrelevanz in Anspruch nimmt.

(Oliver Kröning)

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