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Kommentar

Kommentar vom 03.05.2002

Mediale Aufarbeitung. - Es klappt ja wieder hervorragend, die Bewältigung des Schreckens in den Medien, die Welt ist erschüttert, völlig unbeteiligte Menschen, mit den Opfern nicht verwandt, brechen vor Kameras in Tränen aus, die Medien erstatten Bericht um die Betroffenheit zu schüren, man ist sich einig, dass in einer Stadt plötzlich alles ganz anders geworden sei und man endlich etwas tun müsse, der Kanzler war auch schon da, allein weil man es von ihm erwartet. Käme er nicht, hätte er die anstehende Wahl schon verloren.
Wieder ist etwas passiert. Wieder lief überall Sonderprogramm. Unabhängig, was und wieviel wieder passiert ist, sind die Formulierungen und Reaktionen die gleichen. Einsatzkräfte sprechen vom "Bild des Grauens", Zeitungen schreiben wie abgesprochen von den "schrecklichen Ereignissen" am, um oder in..

Es gäbe keine messbare Größe für die Zunahme von Gewalt unter Jugendlichen, sagte ein Psychologe der ersten Stunde, und da möchte ich ihm zustimmen, und nur die Berichterstattung sei eine andere geworden.

Die ganze Abgründigkeit wird deutlich, wenn Journalisten eines Senders, der seine Zuschauer beinahe stündlich über nichts Neues auf dem Laufenden hält, live dabei sind, wenn Schüler angesichts der massiven Medienpräsenz schon protestieren müssen. Und dann hat man auch gleich die Legitimation parat, man sei ja von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, halte sich dementsprechend zurück und sei damit anders als die Sensationsmedien.

Und darum dieser Kommentar, der sich an alle Sensationisten und Betroffenheitsfanatiker wendet, für die es die ganzen Brennpunkte und Sonderprogramme gibt. Ich auf meinem Moderatorenplatz kann doch nichts dafür, ändern kann ich's doch auch nicht, ich bekomme obendrein ein schlechtes Gewissen: "Wie kannst Du einfach weitermachen wie bisher, nach dem Geschehenen?"

Spätestens seit dem 11. September aber wissen wir, dass sich die Welt, die täglich durch uns eine andere wird, durch so etwas aber nicht ändern wird. Ich kann meine Hörer nur auffordern, aufzuwachen. Denn Ihr seid die Eltern, und Ihr seid die Schüler. Die, die manchmal nicht merken, wenn irgendetwas in dem jeweils anderen vorgeht.

Ich habe es jedenfalls satt, ständig mein Leben unterbrechen zu müssen, weil die Welt für einen Augenblick innehält. Ich hätte es lieber, dass diese Unterbrechungen im Programm nicht mehr nötig werden, dass ARD Brennpunkt, ZDF spezial, MDR aktuell, exclusiv, taff, blitz, brisant, hallo Deutschland in Sonderbeiträgen nur noch über die Neueinweihung von Fahrradwegen berichten.

Die Medien haben sich nichts vorzuwerfen: Sie haben alles getan, was sie tun konnten. Hinterher.

(Charles Ott)

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