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Theaterkritik

Theaterkritik vom 01.11.2010

Die schmutzigen Hände - (Bildnachweis: Thomas Aurin)

Ein fiktives Land Osteuropas in der Spätphase des Zweiten Weltkrieges. Hugo, ein idealistischer Anarchist mit bürgerlicher Herkunft schließt sich der Arbeiterpartei an und will sich beweisen. Er soll den als Verräter gebrandmarkten Parteivorsitzenden Hoederer liquidieren, da dieser mit den bürgerlichen Kräften paktiert. Kann uns dieses 1948 uraufgeführte Werk von Jean-Paul Sartre heute noch etwas sagen? Besitzt es eine Aktualität? Ein klares Ja kommt da von Weimars Hausregisseurin Nora Schlocker und bringt „Die schmutzigen Hände“ auf die große DNT-Bühne.

Anfangs bleibt Schlocker den Beweis dafür schuldig, denn klamaukhafte Szenen und nervende Dauermusikbeschallung gehen am Thema vorbei. Dass die bürgerliche Partei in Weimar zur Neoliberalen wird, ist fast schon ein wenig plakativ. Der Bezug zur Gegenwart ist auch so schon klar genug. Doch bald wird deutlich, dass sie Sartres Existenzialistenstück sehr tief seziert hat und dabei ungeahnte shakespeareianische Elemente freilegt. Manche Szenen werden radikal gekürzt, andere dagegen in die Länge gezogen. Dadurch entsteht ein neuer Duktus, der die Sichtweise verschiebt. So wirkt Florian Jahr als Hugo in seiner ganzen Hilflosigkeit wie ein zaudernder Hamlet und Johannes Schmidt als zerrisssener Hoederer lässt einen Macbeth mehr als nur erahnen. Auch die beiden Leibwächter hätten das Zeug, als Komödianten in der Tradition Shakespeares eingehen zu können. Doch dafür wirkten Christian Ehrich und Simon Zagermann eine Spur zu hölzern.

Die eigentliche Entdeckung des Abend war dann eindeutig Stefanie Rösner als Hugos Ehefrau Jessica. Auch sie entstammt der bürgerlichen Klasse, die doch eigentlich alles haben sollte, was man sich wünschen kann. Doch nicht nur ihre Drogensucht macht deutlich, dass ihr eine Utopie fehlt, an die sie glauben kann. Von Minute zu Minute erscheinen dann bei dem scheinbar naiven Dummchen aber immer neue Facetten und lassen die Realität zur Farce werden: denn der politische Mord erscheint wie ein lustiges Gesellschaftsspiel. Indem sie Hoederer verführt, wird der Idealismus zum Schmierentheater und Hugo kann nun endlich den Mord ausführen – wenngleich nur aus niederen Motiven und nicht aus Überzeugung.

Neben der überaus vielschichtigen Jessica muss Xenia Noetzelmann als Olga leider verblassen. Zwar wirkt sie als fanatische Gefolgsfrau der Partei überaus souverän, aber zu eindimensional. An ihr rächt es sich, dass Schlocker am Anfang und am Schluss zu viel gestrichen hat, denn Olga ist bei Sartre eindeutig komplexer.

Zeitlos ist ohne Frage die Gegensätzlichkeit zwischen Idealismus und politischer Tat. In Sponti-Zeiten gab es den sehr schönen Spruch: „Du hast keine Chance. Nutze sie!“ An Hugo merkt man, dass er im ersten Teil des Spruchs haften bleibt; Hoederer sich dagegen die zweite Hälfte aneignet. In der Weimarer Aufführung wird die dialektische Abhängigkeit zwischen beiden klar. Die Synthese entsteht aus der konträren Interaktion zu Jessica. Und dass Philosophie, wie in Weimar gezeigt, sogar humoristische Züge aufweisen kann, macht Schlockers Inszenierung - trotz Mängeln im Detail - zu einer sehenswerten Aufführung.


Die schmutzigen Hände (Jean-Paul Sartre)
Regie: Nora Schlocker
Premiere: 30.10.2010, Weimar, DNT, Großes Haus

(Oliver Kröning)

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