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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 01.03.2011

Ein schönes Leben - Zwei Hörstücke auf einer CD, uff, das klingt etwas anstrengend, sicher. Doch ein Blick auf die Zeitangabe und ich stelle fest: alles halb so schlimm, eins dauert 36 und eins gar nur 31 Minuten. Scheinbar etwas für zwischendurch. Etwas für die gebeutelte Feierabendseele.
Doch kaum erklingen die ersten Worte in Martin Beckers Geschichte „Ein schönes Leben“, baumelt gar keine Seele mehr, jedenfalls nicht die des Hörers, an dieser Stelle wird blitzartig klar, wir haben es bei diesem Hörbuch mitnichten mit einer netten Abendunterhaltung zu tun.

Ton 1

Doch soweit lässt es die eigentliche Hauptfigur des ersten der beiden Stücke gar nicht kommen. Viel zu verzagt, viel zu zweifelnd steht Odradek vor den Möglichkeiten den Dachboden zu erklimmen oder andernfalls ans Meer zu reisen. Odradek entscheidet sich in einem heroischen Akt von Entschlossenheit für letzteres. Was er dort will, das wird Odradek nicht erklären, und auch niemand anders erklärt es.

Ton 2

Während Odradek also ans Meer fährt, kommt in das kleine verschlafene Dorf mit den eisernen Gesetzen ein fremder Mann gereist. Der Herrenausstatter kleidet ihn ein, weil der Herr Geld zu haben scheint und überhaupt geraten plötzlich alle irgendwie aus dem Häuschen und selbige im Nachhinein aus den Fugen. Ein Volksfest wird zelebriert, die Kapelle spielt, die Dirnen machen gute Geschäfte und auf Grund eines verschreckenden Knalles kommt es, wie soll es sein, nach dem Gesichts- zum Hand- und Fußgemenge. Dem Fremden ist das alles ein bisschen zu viel und er geht seiner Wege. Das Dorf kriegt sich irgendwie wieder ein, doch alles ist anders als vorher – oder vielleicht auch nicht? – man redet nicht darüber
Auch Odradek kommt wieder zurück und zwar schneller als erwartet, so, dass es gar nicht auffällt, dass er überhaupt weg war.

Die Geschichte ruft Assoziationen bei den Hörern wach, vielleicht geht es Martin Becker um die Überwindung einer ländlichen Tristesse, die er – möglicherweise – in seiner Kindheit im Sauerland selbst erfahren hat oder es geht ihm schlechthin um die Unmöglichkeit des Ausbruchs aus einer Gesellschaft, die in ihren Riten, Gesetzen und Bräuchen festgefahren scheint.
Lesbar ist die Geschichte auch als ein Bild des deutschen Ostens, auch hier sind Parallelen erkennbar. Und selbst bei dieser Lesart dämmert einem, warum am Ende nur die Hunde sprechen und die Wahrheit kennen.

„Gesellschaft“ ist das zweite Hörstück und auch dies spielt mit Mehrdeutigkeiten, sowohl im Titel als auch in der Erzählung selbst. Zunächst geht es um eine scheinbar banale Vertreter-Story: einer muss verkaufen, Wertpapiere, Anlagefonds, etc., Hauptsache der Rubel rollt. Doch was, wenn nicht mehr?

Ton 3

Und dann kommt es, wie es kommen muss: der Druck wächst und ganz am Ende der Kundenliste steht nur noch einer. Ein einziger Funke Hoffnung. Doch dieser kleine Funken glimmt ausgerechnet bei einem völlig verzettelten und einsamen Rentner, der den Vertreter für den Gärtner hält. Fritz Müller, so heißt er, lebt offensichtlich abgeschieden und allein, doch so wie sein Name mehr ein Sammelbegriff zu sein scheint, hat Fritz Müller ebenso viele Gesichter. Fritz Müller ist eben die Gesellschaft.

„Ein schönes Leben“ wird gesprochen vom schweizerischen Schauspieler Ueli Jäggi. „Gesellschaft“ von Raphael Clamer. Beide Sprecher sind unumstritten glaubwürdige Besetzungen für diese Geschichten, welche in einem seltsam veralteten Sprachduktus daher kommen. Kann sein, der Eindruck täuscht, ob der altmodischen Kulissen der Begebenheiten, kann sein, der Eindruck täuscht, ob der künstlichen, ja tödlichen Ruhe dieser Geschichten. Dennoch sind beide Geschichten neu, Schöpfungen dieses Jahrtausends, von einem jungen kreativen Autoren. Um so besser, denke ich, ihm die Erfahrenheit des Ueli Jäggi zur Seite zu stellen. Ein genialer Zug der beiden, nein, hier sind es keine Regisseure, hier heißen sie Arrangeure. Matthias Kratzenstein und Daniel Wüthrich sind ihre Namen. Und so komme ich dann doch irgendwie dazu, trotz allem, die Seele baumeln zu lassen.

(Shanghai Drenger)

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