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Kulturrückblick

Kulturrückblick vom 21.03.2011

Kulturrückblick - Antonia Woitschefski:
„très chic“ - so hieß die Show, die am Freitag und Sonnabend über die Bühne – oder sagen wir besser: über den Laufsteg – im „mon ami“ ging. Du hast sie dir angesehen. Was kannst du dazu berichten?

Wolfgang Renner:
Zunächst, dass es sehr schwer ist, diese Show jemandem zu beschreiben, wenn er sie nicht selbst gesehen hat. Ich mache also gar nicht erst den Versuch, hier über Mode oder einzelne Kostüme sprechen zu wollen...
In Weimar kennt man ja Christel Schöne. Sie ist eine fantasievolle Designerin und begnadete Schneiderin von Kostümen, oder - wie es in der Ankündigung zur Show hieß – von Kleidern und Unkleidern.
Christel Schöne hat Angewandte Kunst in der Fachschule in Schneeberg studiert. Das ist in Insiderkreisen eine berühmte Ausbildungsstätte. Wenn man Christel Schöne aber nach ihrer Berufsausbildung fragt, so erklärt sie, sie komme vom Bau...
Aus solchem Blickwinkel betrachtet, sind ihre Kreationen durchaus auch „erdig“ und wohl konstruiert. Der blanke Klamauk, so mag man beim Anblick ihrer Mode zunächst meinen. Wenn man dann aber genauer hinschaut (was bei solch einer Show ja auch gut möglich ist) bemerkt man, außer vielfältig feiner Ironie, auch das Geniale der Ideen.
Es ist eben „Gnadenlos Schick“, was sie uns immer wieder präsentiert.
Ich bin jedenfalls stets begeistert. Ob Walk Acts zum Zwiebelmarkt oder Engelsumzüge zur Weimarer Weihnacht oder aber (um auch ein von Weimar entfernteres Ereignis anzuführen) die wundervollen Auftritte alljährlich auf der Gänsewiese beim Kunstmarkt des Kulturland Hainleite-Verein in Friedrichsrode – all das ist immer wieder eine Augenweide und voller Humor.
Das ist eigentlich gar keine Modenschau; das ist Modetheater.

Antonia Woitschefski:
Du warst also begeistert von dieser Show. In der Ankündigung hieß es aber auch: Eine Show mit Mode, berühmten Liedern und ungeahnten Überraschungen. Welche Überraschungen waren das denn?

Wolfgang Renner:
Überraschungen gab es für mich gleich viele.
Zunächst: Diese Show, namens „tres chic“ findet schon seit ein paar Jahren regelmäßig statt, und bisher sind den Gestaltern die Ideen noch überhaupt nicht ausgegangen.
Überraschung Nr. 2: Es ist gelungen, - ich sage jetzt einmal: „seriöse“ – Modemacher aus der Region in diese Show einzubinden. Dazu gehörten Cara Apfelkern mit ihrer „coiture unique“, „depreso“ mit Modeimpressionen, die Modepassage am Markt in Weimar, „ReSales“, der Secondhandshop in Apolda oder „Sorpresa“- Geschenke, Stoffe und Accesoires. Und das fügte sich wunderbar zueinander. Man konnte staunen über wirklich schöne, modische Modelle. Und dadurch, dass diese Bewunderung sofort wieder gebrochen wurde mit Satire, Clownerie und (ich wiederhole mich) mit genialen Gestaltungsideen, haben die Originale eigentlich noch mehr an Strahlkraft gewonnen, als dies bei einer der üblichen Modeschauen möglich gewesen wäre. Aber wir hätten es nicht mit Christel Schöne zu tun, wenn sie nicht auch hier noch ihr Augenzwinkern eingebracht hätte: Da trug man beispielsweise ganze Stoffballen an den Kleidern der Models wie eine Schärpe über den Laufsteg. Oder die Preisschilder flatterten, wie vergessen, noch an der Kleidung. Vielleicht wird ja auch das alsbald gängige Mode: Zeigt her, dass ich nicht viel gekostet habe, obwohl ich doch wirklich einmalig bin...
Überraschung Nummer 3: Alles ist mit Amateuren gemacht. Und deren Spiel- und Auftrittsfreude ist professionell.
Überraschung Nummer 4: Die „Glocken-Hell-Engel“, mit ihren skurrilen Liedern zwischen den Auftritten.
Und Überraschung Nummer 5: Das „mon ami“ selbst, wie es durch solch ein Ereignis wie verzaubert wirkt...

Antonia Woitschefski:
Die Ankündigung der Überraschungen war demnach nicht übertrieben. Nun musst du uns aber noch erklären, wieso das „mon ami“ durch solch eine Veranstaltung verzaubert werden kann?

Wolfgang Renner:
Wir haben tolle Shows und gute Produzenten, in Weimar. Andere Städte kaufen solche Shows über ihre örtlichen Veranstalter ein. Weimar produziert sie auch selbst, fast wie nebenher. Aber da gibt es auch nach wie vor den Fakt: Der Prophet im eigenen Lande gilt viel zu wenig. Und so sind Christel Schöne oder all die anderen eben genannten Modemacher (und auch die, wie beiläufig erscheinenden Entertainer, die sich den Namen „Glocken-Hell-Engel“ gaben), wohl gelitten und begeistert gefeiert von einer Gemeinde, letztlich aber doch noch zu wenig protegiert.
Unter den Glocken-Hell-Engeln, die so wunderbar schwarz-humorige Lieder,
- meist vom Schweizer Manuel Stahlberger erfunden -, zum Vortrag brachten, verbergen sich übrigens der Tasifan- Zirkusdirektor Dirk Wendelmuth, der Ami- Klubhaus-Chef Helfried Schmidt und der „Phrasenmäher“- Martin Renner, diesmal als Gitarrist. Vorige Woche war er noch als Schlagzeuger beim gut besuchten Konzert im „mon ami“ zu erleben.
Und damit komme ich auch zur „Verzauberung“ des „mon ami“. Wenn nämlich der Saal voller Menschen ist, so ist dies ein angenehmes Haus.
Neuerlich wird diskutiert, wie es aber dort mit dem Betrieb und den Veranstaltungen weitergehen könnte. Wir hörten ja auch bei Radio LoTTe von diesen Diskussionen und einigen Überlegungen dazu... Und eigentlich haben wir mit dieser Show bereits die Antwort: Wir brauchen den Raum für die Entwicklung einer eigenen, heimischen Szene.
Und solch eine Szene vermag dann auch zu „zaubern“. Siehe: dieser „très chic“- Abend. Alle zwei Show-Abende waren restlos ausverkauft – auch das ist ja eine erfreuliche Überraschung. Da weiß man anfangs nicht, ist es die hehre Mode, die das Publikum zieht, oder sind es schon die skurrilen Ideen und Fantasiewelten der Christel Schöne? Oder gar, dass man von den „Glocken-Hell-Engeln“ weiß und sich gern an ihrem schwarzen Sarkasmus weidet?
Ja, und was das „mon ami“ betrifft: Es war plötzlich, dank der Show, ein ganz anderes Haus. Lebhafter, freundlicher. Beispielsweise hatten da die großen, sonst funktionslosen, Leuchter unter der Saal-Decke eine Aufgabe als Halterung für die Scheinwerfer bekommen. Und unter ihrem Licht war dann auch, wie schon gesagt, Bemerkenswertes zu entdecken.
Und wäre im Hause noch eine bessere Gastronomie möglich gewesen, hätte aus der Show sogar auch noch eine tolle Party werden können...

(Wolfgang Renner)

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