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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 13.02.2005

Robert Merle: Die geschützten Männer - In diesen Tagen begehen wir den 60. Jahrestag der Befreiung eines Menschenvernichtungslagers. Wenn man sich mit der literarischen Verarbeitung solcher Ereignisse beschäftigt, wenn man nach Erfahrungen von Menschen sucht, die das Glück und das Schicksal hatten, später noch von ihren Erlebnissen berichten zu können und wenn sie diese Erlebnisse auch aufgeschrieben haben, dann kommt man um einen nicht herum: um Robert Merle - französicher Schriftsteller, zwischen 1940 und 1943 in deutscher Kriegsgefangenschaft.

Robert Merle wurde 1908 in Algerien als Sohn eines Offiziers der französischen Besatzungsmacht geboren. Sowohl seine eigenen Erlebnisse als deutscher Kriegsgefangener als auch das Tagebuch des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß nahm er als Grundlage für seine literarische Aufarbeitung des zweiten Weltkrieges. Weitere politische Themen waren die Pariser Studentenrevolte oder die kubanische Revolution. Später schrieb er utopische Romane mit gesellschaftskritischem Hintergrund, wie z.B. "Ein vernunftbegabtes Tier" oder "Malevil". Als sein Hauptwerk gilt jedoch sein 13-bändiger, von 1977 bis 2003 erschienener, historischer Roman "Fortune de France" über die Zeit der französischen Renaissance. Merle hatte als "einer der ganz wenigen französichen Schriftsteller [..] sowohl den Erfolg beim Publikum als auch die Achtung der Kritik errungen". (Le Figaro) Er war Übersetzer, Philosoph, Lehrbeauftragter. Merle starb im Jahre 2004 im Alter von 95 Jahren.

Merle war kein klassicher Science-Fiction-Autor. Ihm ging es nicht um ferne Welten sondern die Welten und Abgründe in uns selbst, das menschliche Verhalten in extremen Situationen. Seine eigenen Erlebnisse gaben ihm genügend Beispiele. Aus den Beispielen wurden Gedankenspiele - "Was wäre, wenn..?": so die atomare Apokalypse in "Malevil" oder jene globale Epidemie in "Die geschützten Männer". Bei Merle finden sich Elemente wie Arbeitslager oder politische Systeme, die drohen, ins faschistische umzukippen - ein weiterer aktueller Bezug, an denen es Buch wie Hörspiel "Die geschützten Männer" nicht mangelt.

"Die geschützten Männer" ist das wohl visionärste Werk Merles. Der Text ist Science Fiction aus dem Jahr 1974; eine Fiktion, die in einer für uns gar nicht fernen Zukunft spielt. Diese Zukunft zeigt uns das Szenario einer Krise, wie sie uns auch in den 80ern, den 90ern, gestern oder heute hätte treffen können.
Da ist zum einen die Krankheit "Enzephalitis 16", die auch "Ebola", "AIDS" oder "SARS" heißen könnte, zum anderen finden wir wahltaktische Überlegungen der US-Regierung, angesichts einer bedrohlichen Entwicklung lieber auf den Philippinen weltpolizeilich zu intervenieren, leider erfolglos. Und die Epidemie macht auch vor dem amerikanischen Kontinent nicht halt und rafft beinahe ausnahmlos alle Männer dahin. Wer aus welchen Gründen überlebt, ist unklar. Einen Schutz gibt es nicht und die Überlebenden werden interniert. Die Herrschaft übernehmen die Frauen, anfangs aus reiner Notwendigkeit, später (in Verkehrung heutiger Verhältnisse) von Macht korrumpiert. Robert Merle beschreibt die Eigendynamik und immer tiefer abgleitende Absurdität des übersteigerten Feminismus. In der abgeschlossenen Welt des Lagers fördert Merle erneut die ganze Bandbreite von Ünterdrückung, Erniedrigung bis Überwachung zutage. Das System krankt, jedoch nicht nur im Lande sondern auch im Lager, von innen heraus und stürzt. Das Gute im Menschen siegt. Zurück bleibt ein Erzähler als recht selbstzufriedener Hahn im Korb.

Die Hörspielumsetzung weist nach meinem Urteil ein paar große Schwächen auf. Denn dort wo es richtig spannend wird, wird es zugleich auch kompliziert und nach dem ersten Hören der CD weiß ich erstmal gar nicht mehr, wer wer ist, wer zu wem hält und wer wen hintergeht. Zudem: eine einzige CD ist für ein Hörspiel dieses Romanes definitiv zu kurz! Es hätte gerne auch das doppelte sein dürfen. Kaum beginnt man sich für die Geschichte und die Protagonisten zu interessieren, schon ist auch alles bereits wieder vorbei. Ist man zu Beginn noch der Meinung "Hier ist es: das Ende der Welt", so bleibt das Weltende nach 68 Minuten nur eine kurze Episode. Es mangelt sehr an Dramatik. Sicherlich muß immer Text, eventuell viel Text für eine Hörspielbearbeitung gestrichen werden, offenbar war es hier aber sehr viel Text, so daß von einer kausalen Handlung nur eine Ahnung bleibt, Größe und Bedeutung der Merle'schen Vision nahezu untergehen.

Fazit: Leider ein eher durchschnittlich-lustloses Hörspiel, die Sprecher haben, obwohl durchaus große Namen, wenig eigenen Charakter. "Die geschützten Männer", Hörspiel nach Robert Merle, eine Produktion des MDR, 2004 im Audio-Verlag erschienen. 1 CD, 68 Minuten

(Charles Ott)

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