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Buchrezension

Buchrezension vom 11.04.2011

Wo die Löwen weinen - Nicht selten greifen manche Zeitgenossen im Regal des lokalen Buchhandels zu einem Kriminalroman. Der kurzweiligen Spannung wegen – ähnlich der Mimi, die ohne Krimi nie zu Bett geht, obwohl sie nach der Lektüre nicht immer den ruhigsten Schlaf findet. Oft meinen notorische Krimileser im wahren Leben würde ihnen diese Spannung irgendwie fehlen.
Der Roman von Heinrich Steinfest „Wo die Löwen weinen“ zeigt allerdings, dass das ganz reale Leben mitunter mehr Spannung in sich birgt, als sich unter der gebügelten Oberfläche vermuten lässt. Nur fehlt uns oft die Geduld oder auch die Zeit, mal eben an der Oberfläche zu kratzen, mal eben hinter die Kulissen zu schauen oder wenigstens an das, was hinter diesen Kulissen passiert, zu denken.

Seit Jahren bereits wird in Stuttgart an einem Millionen schweren Großbauvorhaben gearbeitet: die Verlegung eines ganzen Bahnhofes unter die Erde. Das alles, um mehr gewinnbringende Stadtlandschaft zu produzieren. Ingeneurstechnisch gesehen eine mutige, fantastische, ja vielleicht sogar zukunftsweisende Idee, könnte man meinen, doch viele, gar zu viele andere Faktoren sprechen dagegen. Sie alle aufzuzählen wäre hier fehl am Platz, es sind jedenfalls so viele, dass sie ausreichen ein sonst geduldiges Völkchen nervös im wahrsten Sinne des Wortes mit den Füßen scharren zu lassen.

Steinfest hat diesen Unmut, offenbar selbst nicht frei davon, benutzt, eine Grundlage für einen Politkrimi zu schaffen. Ein Bauprojekt, arrogant an den Menschen einer Stadt vorbei geplant als Dreh- und Angelpunkt unterschiedlicher, sagen wir, ungesetzlicher, in diesem Sinne krimineller Machenschaften.
Faszinierend schon ist die Eröffnung der Geschichte. Ist gewöhnlicherweise oftmals ein handfestes Verbrechen Auftakt einer Ermittlung, so lässt Steinfest ein eher beiläufiges Jugenddelikt dafür herhalten, verbunden mit einem „komischen Gefühl“ eines Kollegen. Und dies auch nicht, wie zu erwarten in Stuttgart, sondern in München, wohin der ermittelnde Hauptkommissar Rosenblüt unfreiwillig aus der Schwabenmetropole versetzt wurde.

Und so spielt der Autor mit den Gefühlen der Leser, lässt die Figuren in ihren Ambitionen wahre Höhenflüge starten um dann doch recht bald wieder auf einen festen Boden zurück zu kommen und eventuell noch tiefer in einen Untergrund zu gehen, dies durchaus auch im übertragenen Sinne. Wir lernen ein vielseitiges Ensembles an Figuren kennen, müssen längst nicht mal die sympathischen mögen und dürfen uns wundern über einen Österreicher, der sich , warum auch immer, in den Roman eingeschlichen hat. Was soll das nun wieder, fragt man sich, und man erhält darauf schlicht keine Antwort. Ist auch egal, vielleicht verstehen das wenigstens die Österreicher oder die Stuttgarter, die diese Geschichte lesen, es kommt auch nicht darauf an. Viel wichtiger ist der Kniff des Autoren vom plumpen Schema F der Politkrimis abzuweichen, es geht nicht um einen Täter aus dem Beamtenmilieu, der veruntreute oder geheime Zahlungen vertuschen muss, es geht nicht um einen gemeingefährlichen radikalen Projektgegner, der jeden Verantwortlichen richten möchte.
Nein, in diesem Roman geht es um Angst, es geht vielleicht um Glauben und um Enttäuschung auf jeden Fall. Die Politiker sind enttäuscht,dass man ihnen kein Vertrauen mehr entgegen bringt, die Bürgerinnen und Bürger sind enttäuscht, weil sie lange an die Politiker geglaubt haben und es geht um Gott, der irgendwo, einäugig oder einbeinig, auf jeden Fall stumm und unberührt, den Ereignissen nichts entgegenzusetzen weiß, so dass die Menschen selbst handeln müssen.

Ein bisschen wundersam wirkt für mich der Einsatz einer Deus ex machina, jener seltsamen gottgleichen Maschine, die am Theater oft wunderbarerweise und unverhofft eine Lösung des Konfliktes herbeiführt, der „reitende Bote“, der aus dem Nichts kommt und damit oft Leben rettet. Wundersam schon, aber keineswegs unsympathisch, denn Steinfest gelingt es, diese kalte, starre Maschine mit einem Trick in unsere Gefühlswelt dringen zu lassen. Diesen Trick verrate ich natürlich hier nicht. Auf jeden Fall erweckt der Autor die Maschine damit zum Leben, auch wenn sie immer noch keine Regung zeigt und – vielleicht – auch gar nichts verändert. Eine Maschine, die einfach nur da ist.

Politische Krimis sind selten geworden in unserer Zeit, überhaupt, Romane, die aktuelle politische Ereignisse wiedergeben und interpretieren. Vielleicht ist das so der Leserzahlen wegen oder einem seltsamen Freiheitsbegriff folgend mit der Absicht niemanden beeinflussen oder steuern zu wollen. Um so mehr lässt dieser Roman von einem bekennenden Gegner des Großbauprojektes hoffen, dass sich die Literaten dieses Landes wieder bewusst werden, dass das Papier auf dem ihre Bücher gedruckt werden nicht vom Himmel fällt, sondern Ressource dieses Planeten ist, den es zu retten gilt.

"Wo die Löwen weinen" von Heinrich Steinfest
Theiss Verlag
Kriminalroman
Ca. 300 Seiten
12,5 x 20 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
EUR 19,90
ISBN 978-3-8062-2423-8

(Shanghai Drenger)

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