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Kommentar

Kommentar vom 12.12.2003

Das eigene Brüllen in den Ohren - Zweifellos ist einiges geschehen in den zurück liegenden Wochen: Im Frühjahr war außer dem lästigen Aufmarsch am Ostersonntag nicht viel geboten am rechten Rand, so dass selbst die Polizei etwas Ähnliches wie Entwarnung geben zu können meinte.
Doch nun mehren sich seit dem Rekordsommer 2003 die Anzeichen für einen neuen Organisierungsschub und die Formierung einer neuen Weimarer Neonazi-Kameradschaft.

Seit November schließlich vergeht kaum ein Wochenende, an welchem nicht irgendein Vorfall mit rechtsextremem Hintergrund zu beklagen wäre. Einmal wurden zwei koreanische Studentinnen angegriffen, dann ein Gemeindezentrum in Weimar West mit ekelhaften Parolen besprüht, ein Punk durch die Stadt gejagt, ein älterer Herr im Rewe-Getränkemarkt bedroht.
Polizeichef Mirko Dalski stimmte am Mittwoch im Lotte-Interview der Einschätzung zu, dass hier etwas im Gange ist, von dem noch niemand so recht weiß, wohin es führen könnte.
Nebenbei ist auch noch die Hälfte der Wochenenden des kommenden Jahres mit Anmeldungen für Nazi-Aufmärsche besetzt. Auch nicht schön, aber irgendwie was anderes. Ein Problem, dass nicht wirklich oder nur mittelbar mit der Situation in Weimar zu tun hat, wie es scheint.

Sein Gutes hatte, dass nach dem rassistischen Angriff auf die beiden jungen Frauen am Goetheplatz eine gewisse Medienaufmerksamkeit – über deren Qualität man geteilter Meinung sein kann – dennoch dazu geführt hat, dass die Vorfälle bekannt geworden sind und nun ein gewisser Aufruhr herrscht in um ausländische Studierende sowie um das Image der Universitäts- und Goethestadt besorgten Kreisen. Das wird hoffentlich zu etwas führen, was über den aktuellen Zeitpunkt hinaus Wirkung entfalten wird. Und nicht, wenn dann mal vier Wochen kein Ausländer angepöbelt wird, wieder in Vergessenheit gerät und sich im sattsam bekannten Wohlgefallen auflöst. Es bringt in diesem Zusammenhang auch gar nichts, sich selbst öffentlich auf die Schulter zu klopfen, wenn man tut, was seine Pflicht und Schuldigkeit ist, um nicht zu sagen: das Mindeste, was man tun kann.

Falsch ist indes sicher, - mit Verlaub – jeden Furz den diese jungen braunen Dumpfbacken von sich geben, breit in den Medien auszuwalzen, den jungen Herrenmenschen mithin jenes öffentliche Forum zu verschaffen, nach welchem sie schielen mit Pöbeleien, Angriffen, Schmierereien und Einschüchterungen. Falsch ist es auch, schon in der Situationsbeschreibung die Täter zu entpolitisieren und ihre Taten zu „jugendlicher Provokation“ und ihren Rassismus, ihre dreckige Gesinnung zum gruppendynamischen Effekt und zur „Mutprobe“ zu verharmlosen.
Das Gemeinwesen hat für das Klima in der Stadt und für die geschockten Opfer der Angriffe noch nicht viel getan, da wird schon wieder die Psyche der Täter nach verniedlichenden Erklärungsmustern ausgeleuchtet. Dabei ist es seit langem bekannt, dass der zwiebel-ähnliche Aufbau der rechten Cliquen stets eine äußere Sphäre eher diffus rechter, mehr unpolitischer Radaubrüder umfasst. Den Opfern ist die Gesinnung ihrer Peiniger herzlich Wurscht, für das Klima in einem Gemeinwesen nicht von Relevanz.
Richtig ist es, zum Kern des Problems vor zu stoßen, sich zu fragen, weshalb rechtes Denken, Handeln und sich Produzieren so en vogue ist, weshalb sich Jung-Nazis wie Fische im Wasser in ihrem sozialen Umfeld bewegen können. Noch einmal sei hier auf den „Thüringen Monitor“ verwiesen; zur Erinnerung: 22,6 Prozent der Thüringer, also fast jeder vierte, hegen rechtsextremes, - ja, rechtsextrem heißt es in der Auswertung für 2003 - rechtsextremes Gedankengut, mehr als 55 Prozent haben dezidiert ausländerfeindliche Einstellungen.
Wer da aus dem Gemeinwesen heraus nach einem Stadtprogramm brüllt, das ihm von irgendwo her gebracht werden möge und das hier Abhilfe zu schaffen hätte, brüllt sich quasi selbst ins Ohr. Ein Stadtprogramm ist kein Stück Papier, auf welchem die wohlfeilen schönen Worte noch mal als konsequenzloses Leitbild für die Stadt Goethes und Buchenwalds wiederholt werden. Ein

Stadtprogramm ist immer auch ein Aktionsprogramm, das von allen Angehörigen des Gemeinwesens Weimar etwas einfordert. Da kann dann nicht die übergroße Mehrheit das Problem einfach aussitzen, da geht’s ans Eingemachte. Da müssen die Schulen ran, die Universität, die Behörden – allen voran Ausländerbehörde, Sozialamt, Polizei - , die Gastronomen, die Lokaljournalisten; und alle müssen sich fragen lassen, was sie zur Stimmung in Weimar beitragen, wie sie mit Minderheiten, Randgruppen und mit Leuten umgehen, die der deutschen Sprache nicht oder nur wenig mächtig sind, die sich nicht auskennen, die oft hilflos sind und einer offenen und menschlichen Atmosphäre bedürfen, um sich hier willkommen, wohl und angstfrei fühlen zu können.

Und so weiter, Strophe vier.

(Friedrich C. Burschel)

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