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Theaterkritik

Theaterkritik vom 09.05.2011

Die heilige Johanna der Schlachthöfe - (Bildnachweis: Candy Welz)

Ja, es stimmt: Bert Brecht ist aktueller denn je in einem Zeitalter, in dem der Kapitalismus sich anschickt, endgültig zum größten Menschheitsverbrechen aller Zeiten zu werden. Und so ist es nicht ganz verkehrt, aktuelle Polit-Phrasen der Gegenwart für eine Brecht-Inszenierung zu vereinnahmen. In der Weimarer Aufführung von Michael von zur Mühlens „heiliger Johanna der Schlachthöfe“ hängen die „Deutschland – Land der Ideen“ - Plakate deswegen auch nicht in deplatzierter Weise an den Bühnenwänden. Aber schon die beiden Johannas in ihren schwarzen Kitteln und den roten beziehungsweise goldgelben Strumpfhosen, die sich auf der Bühne der Bühne abstrampeln, gehören zu den eher faden Einfällen aus der Gagkiste. Und dann sind da noch die fünf Fleischfabrikanten beim Festbankett, die alle abstreiten, der Obermacker namens Mauler zu sein und stets auf einen anderen zeigen: „Nein, der da ist der Mauler.“ Es folgt ein Zusammenspiel aus ein paar Versatzstücken des Brecht-Dramas, zahlreichen Videocollagen und ein inszeniertes Chaos, das stark an die Theater-Persiflage aus dem Asterix-Band „Der Kupferkessel“ erinnert. Es verwundert nicht, dass rund 20 Besucher schon lange vor der Pause die Vorstellung verlassen. Ein gutes Drittel des Publikums flieht erst in der Pause.

In der zweiten Halbzeit dieser Aufführung auf Fußball-Niveau fällt der Blick mehr und mehr hinter die teileingehauene Pappwand, hinter denen die entlassenen Arbeiter der Schlachthöfe kauern: die Laiendarsteller sind Afrikaner, die teilweise als Asylbewerber in Weimar leben. Michael von zur Mühlen will zeigen: es sind die Menschen aus der Dritten Welt, die vor allem unter den Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus leiden. Das eng umgrenzte Milieu der Fleischarbeiter von Chicago ist nur ein Teilaspekt, der stellvertretend für die gesamte Welt steht. Aber auch die Netto-Profiteure des Systems leiden: im realen Leben begeht der Altplayboy Gunter Sachs Selbstmord und auf der Weimarer Bühne flüchtet der Mauler oder einer der fünf Mauler in die Arme einer Big Mama und weint zu den Klängen aus „Tristan und Isolde“, abgespielt aus einem Ghettoblaster.

Eines der vielen dahingerotzten Mosaiksteinchen einer Aufführung, die einen weiteren gescheiterten Versuch darstellt, die Unerträglichkeit der real existierenden Welt angemessen zu konfrontieren. Vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Von zur Mühlen bedient sich an Elementen aus der Schock- und Provokationskiste, die vor allem beim französischen Theater und Film der 60er- und 70er-Jahre üblich waren. Nichts wirklich neues also. Vielleicht hätte er sich wirklich an „Asterix und der Kupferkessel“ orientieren sollen. Ein dicker Neger hätte am Ende vortreten und sagen sollen: „Die spinnen, die Kapitalisten“. Vielleicht war ja ein US-amerikanischer Repräsentant im Publikum anwesend, der dann die Navy Seals gerufen hätte mit dem Auftrag, den Regisseur auf der Bühne zu verhaften. Oder so. Das wäre eine neue Ästhetik gewesen. Das hätte dann wirklich etwas ausgesagt.

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Die heilige Johanna der Schlachthöfe (Bert Brecht)
Regie: Michael von zur Mühlen
Premiere: 07.05.2011, Weimar, DNT, Großes Haus

(Oliver Kröning)

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