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Aktuelles vom 28.06.2011

Dornröschens Zukunft - Eine Weimarer Ermunterung

Stellen Sie sich vor: die Kinder spielen an einem Strand, an dem die Ilm vorbeifließt. Sie schauen zu, trinken einen preiswerten Kaffee, sitzen im Grünen und wenn Sie Lust haben, gehen Sie auf dem Gelände ins Theater oder ins Kino. Sie können sich dort aber auch einfach nur mit ihren Freunden treffen, den innerstädtischen Verkehr auf dieser Erholungsinsel vorbeifließen lassen und in Weimar Ruhe und Entspannung finden.
Dass diese Vision Wirklichkeit werden kann, verdanken wir den Prinzen Sven Opel und Dirk Heinje. Sie haben das Dornröschen namens E-Werk-Gelände am Kirschberg mit ihrem Programmkino schon teilweise wachgeküsst, und einen cineastischen Anziehungspunkt geschaffen, der mittlerweile generationsübergreifend angenommen wird. Mit viel Elan und Idealismus und ohne öffentliche Bezuschussung machten sie aus ihrer Kinoleidenschaft eine Berufung, und die Zuschauerzahlen bezeugen, dass gute kulturelle Ideen durchaus auch wirtschaftlich sein können.
Seit Mai 2010 haben die Beiden nun ihr Konzept zur langfristigen Entwicklung dieses Geländes vorgestellt. Die Idee ist älter, und die Beweggründe lagen auf der Hand: die Erhaltung des Straßenbahndepots und damit natürlich auch die eigene Investitionssicherung. Die Anfänge, das Areal kulturell zu erschließen, lagen schon beim ersten Kunstfest. Da hatte Barbara Rauch vom ACC hier schon ein kleines Theaterfestival veranstaltet. Folgerichtig holte man später das DNT ins Boot, welches eines der Gebäude als Experimental-Außenstelle nutzt, und trotz jetzigem Intendantenwechsel den Mietvertrag aktuell verlängert hat.
Das Gelände gehört den Stadtwerken, und die würden es Sven Opel und Dirk Heinje auch gerne verkaufen. Haben sie doch schon dauerhaft bewiesen bekommen, dass die beiden Jungunternehmer das Potential des E-Werks längst erkannt haben, und es im städtischen Sinne betreiben. Zumal Opel und Heinje weimarumfassend denken und planen: das Schießhausgelände soll eine infrastrukturelle Anbindung bekommen. Mittels einer kleinen Ilmbrücke wäre der Weg für Radfahrer und Fussgänger fern vom Autoverkehr geebnet.
Ebenso könnte das Schlachthofviertel für die neuen Bewohner mit kurzem Weg zum E-Werk attraktiver werden, und Wanderer könnten von Weimars Innenstadt noch bequemer den Tiefurter Park erreichen. Nebenbei würden die Prinzen mit Schießhaus und Schlachthof daran beteiligt sein, gleich noch zwei Dornröschen aus langem Schlaf zuholen.
Und weil wir gerade bei Vergangenheiten sind: auch ein neues Ilmbad schwebt Beiden vor. Historische Bilder bezeugen ein damalig fast 50 Meter langes Becken und reges Badetreiben an der Stelle, wo Ilm und Asbach zusammenfließen. Mit Sauna, Strandlandschaft und kleiner Gastronomie wäre das sicher ein unwiderstehlicher Anziehungspunkt.
Das Zentrum des E-Werks soll aber eine Art Sommer-Rondell sein, welches Möglichkeiten zum Verweilen und Open-Air-Veranstaltungen bietet. Mit kleinen Flohmärkten hat man da schon mal einen attraktiven Vorgeschmack ermöglicht. Aber die Ideen reichen noch weiter. Das Tasifan-Zelt fände dort temporär einen Stellplatz, die Bauhaus-Universität Weimar könnte seine Projekte präsentieren und kleine Märkte ein Publikum aller Altersstufen locken. Eine Gastronomie mit fairen Preisen würde sich etablieren. Überhaupt sind die Beiden offen für gewerbliche Ansiedlungen, die dem Konzept dienlich sind.
Was diese Visionen aber noch so bestechend und realitätsnah macht ist der Aspekt, dass Opel und Heinje dafür von der Stadt kein Geld wollen, sondern nur wünschen, dass Weimar die Planungen wohlwollend und gegebenenfalls bei Genehmigungen beschleunigend unterstützt. Allerdings haben die Beiden schon jetzt erfahren, dass ihnen bei den Ämtern und Institutionen viel Wohlwollen und Ermutigung zuteil wird. Zudem können sie auf einen gewichtigen Pool von Handwerksbetrieben, Universitätsmitarbeitern und Stadtpolitikern bauen. Denn ein solches Projekt kommt allen Weimarern und ihren Besuchern zugute und bildet dauerhaft ein dringend benötigtes Gegengewicht zur manchmal erdrückenden Hochkultur Weimars.
Das Konzept zu solcherart Ausbau des E-Werk-Areals samt Anbindungen erfährt schon jetzt soviel kollektive Zustimmung, dass die Umsetzung eigentlich kein Problem darstellt, wenn alle an einem Strang ziehen. Denn natürlich gibt es auch ein paar Hürden und Wünsche.

Die Parkplätze könnten beispielsweise zwar auf dem E-Werk-Gelände ausgewiesen werden, aber optimaler wären andere Varianten. Der private Eigentümer des Mühlgrabens könnte mit ausreichendem Entgelt der Ausschachtung seines Geländes zustimmen, und sommerliche Geruchsbildungen vermeiden. Auch das Land wäre gut beraten, die Lichthaus-Betreiber bei der Entsiegelung des Kerngeländes zu unterstützen, damit Altlasten im Boden endlich verschwinden, und die Begrünung nachhaltig erfolgen kann. Fördergelder und gesetzliche Möglichkeiten sind ja schon längst denkbar gewesen, aber jetzt liegt endlich auch ein schlüssiges Konzept vor.
Ein Ämterworkshop wäre sicherlich auch konstruktiv, und könnte Kräfte sowie Erfahrungen bündeln. Und letztendlich könnte man damit auch Anwohnern eventuelle Bedenken nehmen. Denn Opel und Heinje haben als Veranstalter schon in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass es nicht zu exzessiven und störenden Nachtgelagen kommt, und die Nachbarn dadurch nicht unzumutbar gestört werden.
Schon in diesem Jahr soll ein ansprechender Eingangsbereich mit Infobox an der Fußgängerzone Ecke Friedensstraße/Kirschberg entstehen. Sanierungen sind zudem zeitnah fällig.
Für die Realisierung des Gesamtkonzepts veranschlagen die Prinzen fünf bis zehn Jahre. Sie haben dafür das Schlagwort "Slow culture" kreiert, dass inhaltlich ein wenig an die Slowfood-Idee erinnert. Denn um Nachhaltigkeit zu erreichen, soll unter diesem Slogan nicht alles schnell auf einen Schlag entstehen, um weiterhin offen für Entwicklungen und Ideen zu sein. Dazu gehören landschaftsplanerische Gestaltungen ebenso wie die Ansiedlung regenerativer Energien, die eine dauerhafte ökologische Nutzung ermöglichen.
Es ist also viel zu tun, aber es ist machbar. Das E-Werk-Konzept ist nichts für Kleingeister und Burgherrenpolitik. Während der "Kosmos Weimar" vor sich hindümpelt, könnte hier ein neuer, frischer Planet entstehen, der sowohl attraktiver innerstädtischer Treffpunkt, als auch eine originelle Visitenkarte Weimars sein könnte.

In diesem Sinne: lasst uns Idealismus bündeln und die Weimarer Dornröschen wachküssen. In den historischen Hecken sind wir lange genug hängengeblieben.

(Matthias Huth)

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