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Kommentar

Kommentar vom 05.07.2011

Die neue Freiwilligkeit - Lang hat es gedauert, dass auch in Deutschland die Wehrpflicht abgeschafft, streng genommen jedoch nur ausgesetzt wurde. Gut 50 Jahre später als in Großbritannien; und auch die meisten anderen westeuropäischen Staaten waren in dieser Frage deutlich schneller als Deutschland. Das verklärende Bild des Bürgers in Uniform prägte lange die Rhetorik fast aller Statements zum Thema aus den Reihen von CDU/CSU und SPD. Es ist wohl der einzige Verdienst des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, dass er – wenngleich überstürzt – die Abschaffung der Wehrpflicht in die Wege leitete. Diffuse Ängste vor einem Staat im Staate, wie es einst die Reichswehr war, konnten bis heute noch nicht vollständig ausgeräumt werden. Ein wenig pikant ist es schon, dass ausgerechnet ein Angehöriger des Adels die Zäsur einleitete. Immerhin konnten noch vor 100 Jahren nur Adelige Offizier werden.

Wie aber geht es weiter bei der Bundeswehr? Ein paar Monate wurde regelrecht Panik geschürt, dass die Armee künftig nicht einmal mehr die reduzierte Sollstärke erreichen würde. Denn freiwillig zur Bundeswehr zu gehen bedeutet natürlich auch, eventuell nach Afghanistan abkommandiert zu werden. Oder an einen anderen für den Westen strategisch wichtigen Punkt irgendwo auf dieser Welt. Aber diese Panik war selbstverständlich unbegründet. In Zeiten, in denen weite Teile der Bevölkerung kaum eine Zukunftsperspektive haben, gibt es genug Menschen, die trotz aller Gefahren zur Armee gehen. So ist es seit Jahrzehnten in den USA und so wird es auch bei uns sein.

Mit dem Ende der Wehrpflicht fällt auch der Zivildienst weg und hier waren die Sorgen um einen etwaigen Pflegenotstand schon eher glaubwürdig. Aber findige Beamte und Verwaltungsfachleute hoben kurzerhand den so genannten Freiwilligendienst aus der Taufe, der den Zivildienst ersetzen soll. Und stolz verkündet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dass zum Start am 1. Juli schon 17.300 entsprechende Verträge unterzeichnet seien. Die weitaus meisten allerdings sind von bisherigen Zivildienstleistenden, die ihren Dienst auf der neuen Ebene verlängert haben. Warum aber tun sie das für ein karges Taschengeld? In den meisten Fällen wohl deswegen, weil eine andere berufliche Perspektive fehlt. Und in so fern ist es purer Zynismus von einem Freiwilligendienst zu reden. Denn in einer Gesellschaft, die von den Faktoren Unsicherheit und Perspektivlosigkeit bestimmt wird, gibt es keine Freiwilligkeit. Denn hier regiert vor allem die Not. Und so muss auch der geschaffene Freiwilligendienst als eine Notlösung angesehen werden. Die Chance, im sozialen Bereich anständig bezahlte Arbeitsstellen zu schaffen, wurde einfach weggewischt. Stattdessen fabuliert man über Steuersenkungen, von denen ausschließlich Besserverdienende einen signifikanten Vorteil haben werden. Fazit: die soziale Schere in Deutschland geht noch weiter auseinander.

(Oliver Kröning)

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