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Kulturrückblick

Kulturrückblick vom 11.07.2011

Ein Forum in Zeiten vieler kultureller open airs - Shanghai Drenger:
Wolfgang, Du warst in den vergangenen Tagen wieder unterwegs zu einigen Veranstaltungen. Ich vermute, es waren diesmal meist „open airs“?

Wolfgang Renner:
Tatsächlich, die „open airs“ überschwemmen derzeit den Veranstaltungs-kalender. Und so viele tolle Ideen sind dabei. Wenn ich allein an die letzten Tage in Weimar denke – seit der „fete de la musique“ zur Sommersonnen-wende bis zu den ersten Klezmerklängen jetzt in den Straßen und Kneipen der Stadt: Da gab es die blaue Stunde in der Windischenstraße, das weiße Diner auf dem Frauenplan, Kino im Schwimmbad, die Arkadische Massenhochzeit am Ochsenauge, das „sinnhafte“ Parkfest zu Ehren Franz Liszts. Und manches andere mehr. Aber da ist auch eine ganze Menge, was in dieser schnelllebigen Zeit all zu schnell wieder vergessen wird.
Man kann aber auch sagen, dass Weimar und die Weimaraner hierbei eine ganz besondere Kreativität an den Tag legen. Wie müde und einfallslos wirken dagegen viele andere Städte im Land. Ich glaube, niemals in der Geschichte zuvor hatten wir hier so viele kulturelle Angebote wie jetzt. Und ich bin mir gar nicht immer sicher, ob die Weimarer selbst das noch recht zu würdigen wissen, was wir hier an kultureller Lebensqualität haben...


Shanghai Drenger:
Und trotzdem klagen Verbände und Medien stets über einen befürchteten Kulturabbau. Ist das dann nicht ein Widerspruch zur Realität?


Wolfgang Renner:
Das scheint wirklich ein Widerspruch zu sein. Auf der einen Seite finden wir die uns überrollende Flut an Veranstaltungen. Auf der anderen Seite befriedigt uns diese latente Ungewissheit kultureller Zukunft nicht.
Kulturförderung – die ja bekanntermaßen nicht Subvention, sondern auch Investition sein soll – wird dabei oft zur Verfügungsmasse, wenn wieder einmal besonders intensiv gespart werden soll.
Aber ich denke, man darf diese beiden Erscheinungen gar nicht miteinander in Verbindung bringen. Obwohl dies in der öffentlichen Diskussion doch oft so geschieht...
Das eine sind sehr stimmungsvolle, kleine, feine Veranstaltungen, die meist von Künstlern, Vereinen oder Bürgern getragen, sehr wichtig sind für eine Atmosphäre in der Stadt. Das soll man natürlich auch fördern, wo immer möglich. Die eigentliche Kulturpolitik hat aber viel mehr zur Aufgabe, als „nur“ ein Angebot für Bürger und Touristen zur Freizeit und Erbauung zu schaffen. Da geht es um Bildung, auch um Ausbildung und die Förderung der Talente, es geht um Identität regionaler Räume und ein kreatives Lebensumfeld, um ästhetisches Niveau, um spielerische Zukunftsentwürfe und Innovationen, neuerlich auch um Querverbindungen zur Wirtschaft, und es geht um einen Spiegel unserer Befindlichkeiten und unseres Daseins in der Zivilisation.


Shanghai Drenger:
Thüringer Kulturpolitiker und Akteure haben sich erst vor wenigen Tagen zu ihrem 2. Kulturforum in Sondershausen versammelt. Minister Matschie hatte eingeladen, um über Ergebnisse verschiedener Arbeitsgruppen zum noch zu entwerfenden Landeskulturkonzept zu diskutieren.


Wolfgang Renner:
Ja, selbst zur schönsten Sommer-open air-Zeit versiegen die kulturpolitischen Debatten nicht und werden weiter geführt, - dazu, wie unser Kulturleben aussehen soll und sich entwickeln möge. Die mediale Resonanz zu diesem Kulturforum war – wie ich fand – vergleichsweise gering. Vielleicht, weil eben zu jener Zeit zu viele andere, reale, Kulturereignisse, stattfanden.
Und die Begeisterung vieler Teilnehmer am Forum schien mir eher nüchtern, missmutig mitunter gar. Erwartungen und Interessen der Praktiker liegen noch immer weit auseinander in der Frage, was kulturpolitisch zu tun sinnvoll wäre. Über die Bedeutung ihrer Kulturarbeit sind sich zwar alle längst einig. Über die notwendigen Maßnahmen, diese zu erhalten und zu verbessern, wohl kaum.
Da gibt es viele Überlegungen im Land, aber niemand will selbst davon betroffen sein...


Shanghai Drenger:
Das klingt, als müssen wir jetzt noch eine Weile auf das Landeskulturkonzept warten. Und es klingt nach Verunsicherung.
Spürt man so etwas dann auch im Veranstaltungsalltag?


Wolfgang Renner:
Zunächst erst einmal weniger. Glücklicherweise... Da scheint der kulturelle Veranstaltungsalltag sich kaum um fehlende Konzepte zu kümmern, und das pralle Leben siegt:
So hat beispielsweise das TFF Rudolstadt bei seiner 21. Festivalveranstaltung wieder einen neuen Besucherrekord eingefahren: 90.000 verkaufte Karten; - trotz Kälte und Regen. Und Radio LoTTe war live dabei.
Und es wurde am Wochenende auch wieder die Kulturarena in Jena eröffnet, die 20., und wieder mit einem Theaterspektakel - Hochkultur, diesmal allerdings im Dauerregen. Ich hatte am Freitag schon hier im Sender dazu berichtet. Es ist der Glanz des Spektakulären, der die Kulturakteure zu dieser Jahreszeit an außergewöhnliche Spielorte unterm freien Himmel treibt.
Der Kunst selbst ist damit nicht immer gedient, wie wir in Jena und in Rudolstadt erleben mussten...
Also: Rein äußerlich betrachtet, ist Thüringens Kultur sehr lebendig. Aber, ich sagte es ja schon: Kulturpolitik ist viel mehr als die Präsenz vieler schöner Veranstaltungen. Der Unterhaltungswert von Kultur liegt nicht nur auf dem Niveau eines amüsanten Abends: Er ist komplexer und erfordert in vielen Fällen auch die intellektuelle Bildung. Und unter dieser Betrachtungsweise wird Kultur manchem - auch manchem Kulturpolitiker - suspekt.
Kulturereignisse feiern und „sommerspektakeln“, das können wir – so haben es die vielen „open airs“ der letzten Tage bewiesen.
Die Kultur als einen intellektuellen Lebenswert zu begreifen und ihre Wirkungsabsichten zu formulieren, das können wir noch nicht. So jedenfalls hat es uns das Kulturforum vor wenigen Tagen gezeigt.

(Wolfgang Renner)

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