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Kulturrückblick

Kulturrückblick vom 18.07.2011

Drei Spots auf die Konzertarena Jena - Shanghai Drenger:
Die Ouvertüre und das Auftakt-Spektakel zur diesjährigen Kulturarena Jena ist bereits Geschichte und auch die erste Konzertwoche ist schon wieder vorüber. Du hast dir diese ersten Konzerte angehört. Wir waren sie?

Wolfgang Renner:
Ja, mir haben sie allesamt gut gefallen. Das waren drei stilistisch sehr unterschiedliche Konzertereignisse. Aber sie hatten eines gemeinsam: Sie haben allesamt Lust auf viel mehr gemacht.
Bis zum 27. August geht das Festival noch und wird die Aufmerksamkeit, den Spot, vieler Musikfans auf die Arena lenken.

Shanghai Drenger:
Spot Eins:
Für den Anfang war ein Balkan Brass Battle angekündigt.
Mit Boban & Marko Markovic Orchestra versus „Fanfare Ciocarlia“…

Wolfgang Renner:
Erstere kommen aus Serbien und waren mir bisher noch unbekannt. Während die Fanfaren aus Rumänien bereits seit Jahren durch Deutschland touren und hier ihre Platten verkaufen.
Das Markovic- Orchestra war etwas schicker im Auftritt: weiße Hemden und große Gesten zur Musik. Viel Weltmusik dabei, auch Jazzstandards, eigenwillig gemischt mit ihren heimischen Rhythmen. Da konnte man „Caravan“ oder die „Night in Tunesia“ und sogar James Brown mit Balkan- Beats untersetzt hören. Und dann waren natürlich auch das ultimative Muss aller neuer Balkan-Volks-musik - die Kompositionen von Goran Bregovic – zu hören. Das ging toll ab. Die Fanfare Ciorcarlia dagegen war viel mehr noch in der traditionellen Zigeunermusik des Balkan verwurzelt. Das war archaischer.

Shanghai Drenger:
Ein Battle war angekündigt. Wie ging das ab?

Wolfgang Renner:
Ein Battle wäre ein Wettstreit gewesen, ein Kampf mit musikalischen Mitteln um die bessere Virtuosität, Energie oder auch Lautstärke. Die beiden Bands spielten aber zumeist im Wechsel zueinander, gelegentlich nur gemeinsam – schade; das war kein Wettkampf, eher eine Estrade.

Aber ich will das Konzert keinesfalls schlecht reden. Obwohl pünktlich mit Konzertbeginn wieder ein Wolkenbruch einsetzte, hatten die urigen Musikanten – und sichtbar auch das Publikum – ihren Spaß. Das Publikum tanzte. Beim geforderten Mitsingen klappte es noch nicht so gut. Dennoch, es vibrierte einfach alles, wenn die Bläser und Trommeln loslegten.
Es war ein sehr schöner Konzertabend. Und auch an Virtuosität war manches dabei, was aufhorchen ließ. Ich habe mich da zum Beispiel über Bläserpassagen mit Zirkular-Atmung gefreut. Das ist eine Technik, die ich bisher nur vom Jazz her kannte, und die nun wohl auch die Volksmusik erreicht hat – traditionell ist das alles längst nicht mehr.
Aber was überhaupt ist noch traditionell an der Weltmusik?

Shanghai Drenger:
Spot Zwei:
Katzenjammer. Weltmusik ganz anderer Art.
Radio LoTTe spielt die norwegische Damenband ja gern und öfter. Gute- Laune- Musik, so recht passend ins Morgenprogramm.
Wie kommt das aber im Live-Konzert an?

Wolfgang Renner:
Die Musikerinnen kamen mini-berockt und leicht frivol daher. Zum Glück haben sie sich sehr schnell warmgesungen an diesem kühlen Arena- Abend: mit Rockabilly, Swing, Polka-Folk, Rockpersiflagen, manchmal waren es Gesänge ähnlich denen im Zeiss-Stadion nebenan, dann wieder irgendwas zwischen Step und Baby Doll- haften Schlagern.
Das ist oft skurril, aber immer auch wirklich lustig.
Katzenjammer ist eine Lady-Band. Solche haben es mit ihrem Image in aller Regel schwer; weil: Es gibt da kein Mittendrin – entweder sexy sein oder extrem sein beim Auftritt. Katzenjammer spielt mit diesen Klischees. Und sie verblüffen, beispielsweise durch den Einsatz sehr vieler Musikinstrumente, die zudem irgendwann irgendwie alle mal reihum gespielt und bedient haben. Wahre Künstler mussten dabei wohl auch die Tontechniker sein, wenn sie an dieser Turbulenz nicht verzweifelt sind.
Die jungen Damen aber hatten sichtlich ihren Bühnenspaß. Und sie taten, was sie konnten: Trompete blasen allerdings nicht so gut. Aber wer wollte den Ladies schon so etwas nachtragen, wenn sie gleich darauf ihre Unschuldsmienen zeigten, - die Unschuld vom Nordpol gewissermaßen...

Shanghai Drenger:
Katzenjammer war ja im vorigen Jahr schon mal bei der Arena. Sie haben demnach ihren Erfolg wiederholen können?

Wolfgang Renner:
Durchaus. Das Publikum kannte viele ihrer Lieder noch. Mittlerweile ist die Band um den ganzen Globus getourt – und die Sängerinnen erklärten den Zuhörern, dass es in Deutschland das beste Publikum für ihre Musik gibt. Freilich, das war ein freundlicher Gag, und dennoch: Wenn man die „Katzenjammer“- Musik analysiert, erkennt man darin durchaus viel Deutsches: eine spezifische Art von Humor, eine Prise Sehnsucht nach weiter Welt, das angedeutete Swingen, die Stimmungslage und eben der Katzenjammer – nicht zuletzt der deutsche Name bei einer norwegischen Damen-Band... Die Arena jedenfalls war auch diesmal wieder begeistert.

Shanghai Drenger:
Spot Nummer Drei:
Am Freitagabend gab Suzanne Vega in der Arena ein Konzert. Vielleicht ist sie der wichtigste Star im diesjährigen Programm. Suzanne Vega ist aber eine Singer- Songwriterin der eher leisen Töne. Konnte sie nach Balkan Brass und Katzenjammer-Klamauk beim Publikum bestehen?

Wolfgang Renner:
Sie konnte bestehen. Das Publikum an diesem Abend war stiller, und der Beifall war zwar nicht so tosend, aber unbedingt begeistert.
Es war – auf ganz andere Art – faszinierend. Da stehen zwei Künstler – man möchte meinen: einsam – auf der Bühne. Beide spielen Gitarre, elektronisch und akustisch, und zwar die selben Akkorde wie andere Bands auch. Und sie singen Lieder wie es andere Popkünstler auch tun. Und doch sind sie so ganz anders. Das macht zum einen die Stimme der Vega: engelhaft, meist schwebend im Klang, manchmal etwas angeraucht - aber nur manchmal.

Wenn Suzanne Vega auf die Bühne kommt, bleich und unscheinbar, im schwarzen Jackett – so wie man sich eben die Intellektuellen der New Yorker Künstlerszene vorstellt –, wenn sie sich artig verbeugt und dann singt, dann ist das Arena-Rund voller Klang. Es ist solch eine suggestive Kraft im Auftritt und in den Liedern, dass man sich einfach Band und Orchester mitdenken muss; sie sind gefühltermaßen dabei.
Die Chanson-Interpretin und Schauspielerin zeigt wenig Show, dafür viel Interpretation. Selbst wenn sie spricht, klingt alles wie Musik.
In ihren Geschichten und ihrer Musik steckt ein bisschen Lou Reed, zumindest etwas von seiner minimalistischen Art. Und etwas von Nico, in der Tonfärbung und Melancholie der Songs. Etwas Folk auch, und ein Hauch Blues – wohl nicht bei den Akkorden, aber in der Stimmung der Lieder unbedingt.
In ihrem Programm mischte sie geschickt Altes und Neues.
Die älteren Lieder schienen mir etwas diffiziler, etwas mehr in der bekannten Liedermacherart zu sein und auf sich selbst vertrauend. Die Neueren sind sound- bewusster, und mehr auf elektronische Virtuosität und Lautmalerei aus.

Shanghai Drenger:
Ich entnehme deinen drei Spots dreimal das Prädikat: Gefällt mir.
Der diesjährige Arena-Auftakt war demnach gelungen?

Wolfgang Renner:
Ja, trotz fehlender Sonne war viel gute Stimmung in Jena.
Auch dank eines breit gefächerten Programms. Und eben das macht wohl auch einen konzeptionellen Erfolg der Arena aus: Brass für die Füße und Hüften, Katzenjammer für den Bauch und das heitere Gemüt, und Suzanne Vega trägt kunstvoll ihre Geschichten und Lieder in die Gefühlswelten der Zuhörer.

(Wolfgang Renner)

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