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Kulturrückblick

Kulturrückblick vom 12.09.2011

„Buch-Tage“ der Thüringer Verlage - Antonia Woitschefski:
Die ersten Thüringer Buch-Tage fanden am Wochenende in Jena statt. Was ist darunter zu verstehen: Ein Markt? Ein Lese-Marathon? Eine Messe?

Wolfgang Renner:
Beabsichtigt ist da wohl eine Messe. Etwa 40 Thüringer Verlage hatten im Jenaer Volkshaus Stände aufgebaut und präsentierten dort ihre Produkte. Dazu gab es auch Filme und Vorträge, Lesungen und Diskussionen - zwei Tage lang, mit wirklich guter Resonanz. Das war ein Novum.

Antonia Woitschefski:
Aber braucht denn Thüringen solch eine eigene Buchmesse? Leipzig und Frankfurt sind doch da viel effektiver…

Wolfgang Renner:
Das stimmt. Sicher wird es nach diesen Buch-Tagen den Thüringer Verlagen und Autoren auch nicht viel besser gehen, und die Verkaufszahlen für deren Bücher werden wohl auch nicht merklich ansteigen. Ein wenig eigenbrötlerisch wirkt das Ganze schon, wenn man einen Literaturbetrieb an Landesgrenzen festmacht. Aber Förderung hat nun mal ihre Grenzen, auch räumlich gesehen, und um Förderung sollte es bei diesen Buch-Tagen gehen. Bemerkenswert ist, dass diese das Wirtschaftsministerium angeregt hat, und nicht das Kulturministerium. Und das Wirtschaftsministerium will nun erst einmal bewusst machen, dass es und was es an Thüringer Verlagen und literatur- wirtschaftlichen Bereichen überhaupt gibt. Die ganz großen Verlage, die in Frankfurt und in Leipzig dominieren und bei überregionalen Messen alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die gibt es nämlich in Thüringen nicht.
Ich zitiere da mal aus einem Bericht zur Thüringer Kultur- und Kreativwirtschaft: „Der Buchmarkt in Thüringen ist in der Außen- und Innenwahrnehmung wenig präsent.“, heißt es da. Und: „Bei den selbständigen Schriftstellern sind nach Einschätzung der befragten Akteure nur sehr wenige zu finden, die auch überregional wahrgenommen werden und von ihrer originären Tätigkeit leben können.
Seit 1990 sind aber viele Verlage gegründet worden. Das Spektrum reicht vom Sachbuch bis zur Belletristik. Häufig liegt ein Schwerpunkt auf Regionalia und örtlicher Kulturgeschichte. Fachbuchverleger finden sich nur vereinzelt.“…

Antonia Woitschefski:
Kann man denn da überhaupt von einer Thüringer Literatur oder aber von einem Thüringer Buch-Markt sprechen?

Wolfgang Renner:
Wohl kaum. Als Markenzeichen würde ich solch einen Begriff jedenfalls nicht verwenden, höchstens als Herkunftsbezeichnung von Autoren oder Verlagen. Wenn man in Jena die Verlagsstände abgelaufen ist, da fand man die Einschätzung aus dem Bericht durchaus bestätigt: Die großen Romane oder das weltbewegende Essay kommen nicht aus Thüringen. Alles hier ist klein und bleibt bescheiden, wie das Land selbst. Aber Wirtschaftsminister Machnig will keineswegs bescheiden bleiben. Seine beabsichtigten Fördermaßnahmen für die Kreativwirtschaft, und damit auch für den Literaturbetrieb, sollen Wachstum bringen.
Auch hier noch einmal ein Blick in den Wirtschaftsbericht: Im Thüringer Buchmarkt sind derzeit rund 700 Personen tätig, rund 550 Personen nur sozialversicherungspflichtig beschäftigt, die meisten davon im Bucheinzelhandel. In den Verlagen sind es, - die geringfügig Beschäftigten hinzugerechnet -, 920 Personen. Da bleibt doch alles überschaubar.
Ich glaube, jeder kennt jeden in dieser Branche...
Die wenigen Akteure schaffen immerhin einen Umsatz von rund 105 Millionen Euro. Und hier gibt es freilich noch Entwicklungschancen.

Antonia Woitschefski:
Haben diese Thüringer Buch-Tage eine Einschätzung gegeben, wo diese Entwicklungschancen liegen könnten? Wird die beschriebene Situation nun als gut oder aber als weniger gut eingeschätzt?

Wolfgang Renner:
Die Perspektiven für das Verlagswesen werden von den Akteuren selbst in einer stärkeren Hinwendung zu interdisziplinären und multimedialen Verknüpfungen gesehen. Auch Festivalformen wären eine Möglichkeit. Bei all dem gibt es aber bislang nur erste Ansätze, die unbedingt entwickelt werden müssten.
Ich glaube, die reale Situation ist weniger gut. Und ich denke, man hat das bei den Gesprächen an den Verlagsständen auch genau so ermitteln können. Meist sind diese Verlage Ein-Personen-Betriebe. Oftmals kann diese eine Person von der Unternehmung allein nicht leben und braucht einen Nebenerwerb. Man merkt, dass diese Verleger große Enthusiasten sein müssen.
Einen gewissen Anteil am Thüringer Buchmarkt haben Wissenschaftsverlage, wie Böhlau in Weimar. Die scheinen halbwegs gesichert, weil sie mit Universitäten oder Stiftungen kooperieren.
Interessant finde ich, dass immer mehr Museen eigene Verlage betreiben, um ihre Schriften und Kataloge zu verbreiten. Das sei billiger und effektiver, als dieses Geschäft auszulagern, erklärte man mir.
Aber einen bemerkenswerten Aufwärtstrend hat das „book on demand“- Verlagswesen genommen. Im eigentlichen Sinne sind das ja gar keine Verlage mehr; weil: hier verlegt der Autor selbst und zahlt meist den Druck und ggf. den Vertrieb aus eigener Tasche. Der Produzent und Schöpfer muss zugleich sein eigener Dienstleister werden, und nutzt nur noch die Technik Dritter.

Antonia Woitschefski:
Ist solch eine Verlags-Entwicklung deiner Meinung nach gut – oder aber eher nicht?

Wolfgang Renner:
Nun ja, gut daran ist, dass das Publizieren mittlerweile allen, und damit demokratisch, möglich geworden ist. Jeder Mensch ist ein Künstler, sagte Joseph Beuys, und nun kann auch jeder noch ein Autor und Publizist sein. Das ist toll. Zugenommen hat dies, seit man auch über das Internet ganz unkonventionell die Literatur vertreiben kann: Man kauft für wenig Geld eine ISBN-Nummer und ist dann, beispielsweise über Amazon, weltweit präsent.
Und das funktioniert, bestätigten mir Autoren bei den Buch-Tagen. Natürlich nur bei Themen, die auch anderswo interessieren können.
Der große Nachteil einer solchen Entwicklung aber ist, dass eine unüberschaubare Flut an Literatur uns überwältigt. Orientierung fällt schwer, zumal vieles in der Flut der Schriftwerke qualitativ gar nicht mehr als Literatur bezeichnet werden kann: Da schreiben Jubilare ihre Lebensläufe nieder und lassen sie drucken, da wollen manche Autoren mit ihren Bekenntnissen in Buchform noch einmal ihren alten Chef oder ihre Familienkreise ärgern, da findet man pubertäre Gedichte ebenso wie selbst gefertigte Koch- und Kinderbücher.
Der Vorteil einer Buchproduktion gegenüber der Veröffentlichung im Internet liegt im Urheberschutz. Alle Texte, die ins Netz gegeben werden, lassen sich in ihrer Wirkung und Verwertung dann nicht mehr kontrollieren...
Zum Glück gibt es aber auch noch die wirklichen Bücher. Wenn man allein die Verlage unserer Umgebung an ihren Ständen in Jena aufgesucht hat – den quartus- Verlag oder den Wartburg-Verlag, den Bertuch- Verlag oder den Knabe- Kinderbuchverlag zum Beispiel – da findet man schöne Beispiele einer hohen Buchkultur.

Antonia Woitschefski:
Gedanken zu den Thüringer Buch-Tagen, die am Freitag und Sonnabend in Jena stattfanden, machte sich Wolfgang Renner. Da ging es um Wirtschaft und weniger um Kunst. Buch-Tage sind keine Autorentage, die nämlich finden außerdem und alljährlich im Juni auf Burg Ranis statt.

(Wolfgang Renner)

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