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Buchrezension

Buchrezension vom 07.11.2011

"Zwanzig/11" von Pierre Emme - „Wien, im November 2011. Max Petrark wacht am Krankenbett seines im Koma liegenden Bruders Maurice. Dieser hat einen schweren Autounfall nur knapp überlebt. Während die Polizei von einem Selbstmordversuch ausgeht, macht sich Max auf die Suche nach der Wahrheit.“
Diese Aufmachung ist für einen Kriminalroman eigentlich sehr allgemein und man könnte zunächst einen eher auf eine private Tragödie gerichteten Krimi erwarten. Doch weiter unten im Klappentext des Buches gibt es dann noch den Hinweis auf die zehn Jahre zuvor ereigneten Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center. Und schon gibt es eine kleine Vorahnung der Bedeutung des Titels „Zwanzig Schrägstrich elf“ oder eben eleven, und privat scheint die Angelegenheit somit gar nicht mehr zu sein.

Tatsächlich aber beginnt der Roman von Pierre Emme sehr privat. Der etwas übergewichtige Max erhält von seiner Frau Anne die Nachricht vom Unfall seines Bruders. Wie lange hatte er den schon nicht mehr gesehen? Gut, man hatte hin und wieder miteinander telefoniert, man hatte sich nicht völlig aus den Augen und Ohren verloren. Aber eine enge Bindung zwischen beiden gab es eigentlich nicht. Dennoch unterbricht Max seine Bahnfahrt von München nach Wien, um seinem Bruder im Provinzkrankenhaus in Vöcklabruck nahe zu sein und mit ihm zu reden. Die Nähe eines Angehörigen soll ja helfen, wenn jemand im Koma liegt.
Max fragt sich zwar, warum gerade er es sein muss, aber da Katharina, Maurice weißrussische Frau, sich gerade in Minsk auf Verwandtenbesuch befindet, soll es wohl so sein.
Katharina sollte auf jeden Fall informiert werden. Dummerweise ist jedoch weder ihr Aufenthaltsort in Minsk, noch irgendeine Erreichbarkeit bekannt, denn man müsste in internationalen Telefonbüchern blättern, was angesichts des Umstandes, das weder Max noch Anne ihren ursprünglichen Nachnamen wissen, ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es muss erstmal recherchiert werden. Eine Aufgabe, die Anne in Wien übernimmt, während Max in einem für ihn unbequemen Sessel neben dem Bett des Bruders Stellung bezieht.

Maurice arbeitet als Kleinunternehmer. Er hat sich einen teuren Kleinbus gekauft und chauffiert spezielle Fahrgäste durch Europa. Vor allem solche, die nur ungern öffentliche Verkehrsmitteln nutzen und gerne eine ganz private Atmosphäre während ihrer Reise genießen. Vor allem Geschäftsleute von internationalem Rang gehören dazu, die auch hin und wieder diskrete Gespräche während einer Busfahrt abwickeln.
Maurice, der ansonsten stets korrekt ist, sich immer anschnallt und auch auf die Sicherheit der Fahrgäste bedacht ist, soll zum Unfallzeitpunkt ohne Gurt am Steuer gesessen haben und völlig ohne äußere Beeinflussung gegen einen Brückenpfeiler gerast sein. Die Polizei schließt daraus die Selbstmordthese. Max aber zweifelt daran. Das ist nicht sein Bruder. Und so beginnt ein für alle Beteiligten aufregendes Rechercheerlebnis.
Bekräftigt werden Max' Zweifel als er einem vermeintlichen Arzt an Maurice Krankenbett begegnet, der gerade eingerichtete Instrumente an Maurice Bett manipuliert. Max will ihn zur Rede stellen, doch anstatt einer Antwort kommt es zu einem Handgemenge.
Spätestens jetzt ist klar, ein Selbstmordversuch war es nicht. Doch weder Max noch Anne sehen irgendein Motiv in Reichweite.

„Zwanzig/11“ entpuppt sich den Lesenden darüber hinaus bald als ein durchaus politisches Buch. Max Petrarck verschwendet während der oftmals sehr langen Sitzungen neben seinem Bruder lange Minuten auf mehr oder weniger sortierte Gedankengänge zur europäischen Politik. Im Radio wird ein Verwandten-Besuch der sehr populären amerikanischen Präsidentin verkündet, der nebenbei zu einem Staatsbesuch ausgeweitet wird, der Autor spielte seinerzeit mit einer Fiktion, und plötzlich scheinen sich alle an Maurice Krankenbett zu treffen, der Personenschutz der Präsidentin, die Autobahnpolizei von Vöcklabruck, eine privat ermittelnde Familie eines Unfallopfers und etliche andere noch.
Und dem politisch sehr munteren und keineswegs uninteressierten Max beschleicht die eine oder andere Verschwörungstheorie, bzw. Idee, die gerne als solche ad akta gelegt wird und selten Glauben findet. Emme spielt mit dem uns bald bevorstehenden Datum 11.11.11, welches in Anbetracht von 9/11 vielleicht tatsächlich politische wirrköpfe aller Art aus ihren Löchern lockt. Zwanzig/eleven eben.

Pierre Emme, der Autor dieses, ob seiner vielseitigen Verschwörungstheorien, durchaus unterhaltsamen Romans, ist im Juli 2008 verstorben. Als er den Roman schrieb, war die Kandidatur Barack Obamas noch nicht völlig klar und Emme liebäugelte bis dato noch mit der mitunter beliebten Hilary Clinton als US-Präsidentin.
Diese historische Andersentwicklung aber tut dem Roman vielleicht sogar gut und entrückt ihn ein wenig dem recht realistischen Vorstellbaren und führt ihn gewissermaßen in eine künstlerische Freiheit zurück.

Der 323 Seiten starke Roman bietet kurzweilige Unterhaltung, gemischt mit einer gehörigen Portion Politik und viel Stoff zum Nachdenken über unsere politische Kultur und Unkultur. Das Buch ist im Sommer 2011 im Gmeiner-Verlag erschienen und kostet im Handel komfortable 11,90 Euro.

Eine spannende Lesezeit wünscht Ihnen Shanghai Drenger.



(Shanghai Drenger)

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