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Kommentar

Kommentar vom 04.01.2005

Das Herz der Stadt - Viel wurde über die Anna-Amalia-Bibliothek geredet im letzten Jahr, über den Brand natürlich, und über den Wert des historischen Gebäudes und all der vielen Bücher darin, über Kunstschätze und Kulturverlust.
Und fast wie im Fahrwasser dieser Aufregung sind die Baumaßnahmen des Neubaus vorangegangen, der Platz der Demokratie schloss sich über dem Magazin, in dem fast eine Million Bücher lagern wird, und am Roten Schloss und dem dort eingebundenen Neubau fielen die Gerüste.
In diesen Tagen nun wird der Umzug abgeschlossen werden bei Weimars größtem Arbeitsgeber ... aber halt, die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen ist zweifellos mehr als das.
Als Instanz der Bewahrung, Verwaltung und Nutzbarmachung des vorrangig klassischen Erbes stellt sie das Herz Weimar dar, das zentrale schlagende und lebensspendende Herz - denn ohne die „Weimarer Klassik“, ihre Epigonen und eben auch deren Gralshüter wäre diese Stadt doch nicht viel mehr als eine kleine, ansonsten unbedeutende Thüringer Ansiedlung mit ein paar urzeitlichen Knochenfunden.

Nun wurde der Tempel des Wissens erweitert, ja, vielleicht das erste Mal als solcher materialisiert, und ich als Architekt so wie als einfacher Betrachter bin begeistert von dem kühnen Schwung der Magazinwand gegen den Park und von dem Inneren des Bücherkubus, und von dem fast schon philosophischen Bild der Stadt des Geistes unterhalb der Stadt der Körper...

Doch mit der Fassade des Erweiterungsbaus, des Haupteinganges hat Weimar die vielleicht letzte Chance vertan, das babylonische Gewirr des Stadtzentrum durch eine moderne Architektursprache zu ergänzen und zu bereichern.
Die unklare gestaffelte Wandfläche, die belanglosen Fensterformate (die in verstörender Weise an die östliche Marktnordseite erinnern), das triste Grau der Fassade, all das steht in niederschmetterndem Gegensatz zu der erwähnten Kühnheit und Stärke des Innenraumes.

Die eingangs geschilderte Bedeutung der Stiftung für die Stadt hätte ihren Ausdruck in einer selbstbewussten und starken Architektur finden können, die mit Souveränität diese räumliche und geistige Mitte der Stadt markiert.
Das Gefüge verschiedener Baukörper aus unterschiedlichen Bauepochen zwischen Markt und Platz der Demokratie hätte ergänzt und bereichert werden können mit einem Korpus, der selbstsicher sein inneres Wirken in äußerer Wirkung zeigt, anstatt sich halbherzig, grau und anpasslerisch zwischen die historische Substanz zu drücken.
So zeigt sich am Neubau der Stiftung eine ähnliche Sprachlosigkeit, wie sie vielen neuen Bauten Weimars eigen ist und zuletzt das Handelshaus am Theaterplatz zu nichtssagender Peinlichkeit werden ließ.

Und wenn die Kulturstadt-Weimar-GmbH in diesen Tagen in der Kritik der Stadtregierung steht und sich beklagt, dass sich die Stiftung der gemeinsamen Stadtvermarktung trotz Zusage immer wieder entzieht, dann bleibt am Ende die Frage: Wofür schlägt das klassische Herz der Stadt? Weimar kann vielleicht nicht ohne die Stiftung leben - aber glaubt die Stiftung, ohne Weimar leben zu können?
Oder aber - muss auch ein schlagendes Herz hin und wieder einer gründlichen Untersuchung unterzogen werden?

(Stefan Hasselmann)

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