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Kommentar

Kommentar vom 11.03.2005

15 Jahre Haus für Soziokultur, Gerberstraße 3 - Als mich gestern der Chefredakteur von Radio Lotte anrief und darauf hinweis, daß die Gerber ab Freitag ihren 15. Geburtstag feiere und mich fragte, ob ich nicht on air gratulieren wolle, war ich stark verwundert – und sagte spontan zu. Erstens hatte ich die Gerber für sehr viel älter als 15 Jahre gehalten, für mindestens 37. Aber vielleicht liegt meine Sinnestäu-schung auch daran, daß, wenn prägende Ideen alt werden, auch juvenile Träger nichts mehr zu retten vermögen. Natürlich, historisch zwingend, kann die Gerber nur im sogenannten Halbstarkenalter sein. Ein Halbstarker überschätzt bekanntlich zwar seine Kraft (mit entsprechenden Folgen), aber er hat noch Träume, die ihn immer wieder aufstehen lassen. Nichts ist öder, als die physisch vitale Form toter Gedanken zu sein. Zweitens: Gratulieren heißt Glück wünschen: Wofür soll ich Euch Glück wünschen? Die elf Leute, die die Gerberstraße 3 im März 1990 besetzen, weil sie Wohnraum brauchten und Besetzen nunmehr nicht nur in westlichen Hafengegenden „in“ sein durfte, haben heute sicher auch ein Bausparkonto bei der Sparkasse. Ich gönne es ihnen.
Früher galt die Gerber als der einzige Ort, an dem wirklich etwas los war. Und heute? Fallt Ihr durch mehr auf als die ignorierte Sperrstunde? Ich verstehe das sogar, noch nie bot eine Zeit so viele Möglichkeiten – und noch nie wirkte sie so bleiern auf die Mutlosen. In den subversiven Kommunen Weimars der 1980er Jahre lagen noch die Erich-Fromm- und Habermas-Bändchen subversiv herum und es roch schwer nach zynischer Vernunft und unangemeldeter Erotik und bedenkenswerter Revolte.
Als ich Euch in der Gerber vor einigen Wochen besuchte, hattet Ihr zwar ordentlich aufge-räumt, aber statt von Derrida oder Elementarteilchen spracht Ihr von Gremienarbeit und der autoritären Zuständigkleit des Plenums. Dieser Spätjakobinismus darf einem unverbesserlichen das Solitäre liebenden Anarchen wie mir, mit Verlaub, gruseilig und abgestanden vor-kommen. Doc Mulei, einer der Euren, wollte Oberbürgermeister werden: Freibier für alle! Das klingt mir ziemlich nach CSU. Eure Homepage ist so alt wie Norbert Blüms Rentenversprechen und teilweise anmaßend. Da steht: „Durch den Umbruch in unserer Gesellschaft entstanden in den letzten 10 Jahren für viele Menschen Probleme und Situationen, welche sie nicht allein bewältigen können.“ Freilich, vorher war alles besser! Jugend hatte noch Zukunft! Offenbar könnt Ihr mit der Freiheit, die Euch geboten wird, nicht umgehen. Was heißt bei Euch noch alternativ? Alternativ wozu? Was habt Ihr der unglaublichen Dynamik der ge-sellschaftlichen Entwickung entgegenzusetzen – in einer Stadt wie Weimar? Nicht einmal eine gestaltete Kulturkritik, sondern nur noch Kneipe open end? Hier habt Euch urbane Freiräume erkämpft, also nutzt sie auch. Ihr seid Teil der Weimarer und Thüringer Jugend- und Subkult, aber Subkultur ist eben auch Kultur. Und Kultur hat etwas mit anstregender Leichtigkeit zu tun, und Autonomie setzt Verantwortung voraus. Sie setzt eigentlich voraus, jenen Freiheitsgedanken ausformen zu können und ausleben zu lernen, für den nicht zuletzt die idealistische Doppelstadt Weimar-Jena symbolisch steht: Freiheit nicht als Freiheit wovon, sondern als Freiheit wozu. Wer das nicht einsieht und Freiheit als lustfreies, resignatives Abhängen interpretiert, wird von der Notwendigkeit überrannt werden. Da hilft kein Selbstmitleid mehr. Die Gerber wäre dann bloß die alimentierte Institution des eindimensionaler Menschen aus sozialer Pflicht. Und das wäre viel zu wenig. Es gibt eine spezifische politische Unterscheidung, und zwar jene in Freund und Freind. Das hat nichts mit Moral, Ökonomie, Ästhetik oder gar persönlicher Sympathie zu tun, sondern kennzeichnet abstrakt die wesentliche Bedeutung unterschiedlicher Interessen im politischen Prozeß. In diesem Sinne biete ich Euch eine aufrichtige, beinahe wohlwollende Feindschaft an, denn alles andere wäre verlogen und eine Beleidigung für eine autonome Szene.
Also: Schaut nicht so viel afghanisches Fernsehen. Und wenn schon, macht etwas daraus. Geht zu Euren Nachbarn, die Euch mit ihren Gewerbesteuern mitfinanzieren, und versöhnt sie mit einem nüchternen Subbotnik. Reißt die Fußbodenheizung heraus, die Euch eine gewisse Familienministern Angela Merkel einst geschenkt hat, und erwärmt Euch anders. Die neue Survival-Formel heißt: Die Kreativen werden überleben. Wer sich immer nur definiert gegen etwas, gegen jemanden, der hat heute schon verloren. Er wird erobert werden vom eigenen Stumpfsinn. Weimar benötigt keinen weiteren bloß jammernd-grauen Quasi-Jugend- und Ewigjungerwachsenentreff, sondern einen Ort für eine selbstbewußte, ausstrahlende, geistreiche Szene, die unverwechselbarer Teil der optimistischen Kommune Weimar, des genialen Sozialraums Innenstadt ist, die eine unverzichtbare Säule gelebter, spätmodernen Urbanität sein muß. Wenn Ihr das Potential dieser Stadt nicht nutzt, seid Ihr selber schuld. Der Staat wird Euch abhanden kommen: als Gegner und auch als Finanzier. Je früher Ihr auch auf die große liberale Unübersichtlichkeit einstellt und sie mitgestaltet, um so mehr werden wir von Euch haben. Und um so mehr werden wir Euch brauchen!

(Peter D. Krause (CDU-MdL))

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