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Kommentar

Kommentar vom 08.04.2005

Menschenrechte auf die Fahne - 60 Jahre ist es her, dass dem mörderischen Alltag im KZ Buchenwald ein Ende gesetzt wurde. Nicht nur in Weimar, sondern in ganz Deutschland und international wird dieses runde Jubiläum mit großem Aufwand und würdevollem Gedenken begangen.

Man ist sich dabei bewusst, dass es vielleicht eine der letzten Gelegenheiten sein wird, auch noch lebenden ehemaligen Häftlingen auf emphatische und gefühlvolle Weise die Ehre zu erweisen. Die zum Teil im hohen Greisenalter stehenden Überlebenden der NS-Mord-Maschinerie werden zum 65., spätestens aber zum 70. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager nicht mehr am Leben sein. Menschen in Weimar, Deutschland und weltweit, die sich der Verantwortung bewusst sind, welche uns die Geschichte abverlangt, fragen sich bang, wie wird es in 10 Jahren um die Erinnerung an die Nazi-Zeit, den Vernichtungswahn, Vernichtungskriege und deutsch-völkischen Hochmut bestellt sein.

Wer wird bestimmen, welcher geschichtlichen Ereignisse wie gedacht wird, werden die schon heute massiver werdenden Versuche obsiegen, die Menschheitsverbrechen der Deutschen in den Lauf der Geschichte einzuebnen, wird es noch junge Menschen geben, die sich für diese schmerzvollen Erinnerungen an deutsche Verbrechen interessieren werden? Ein banger Abschied steht uns dieses Wochenende bevor.

Es gibt aber noch einen anderen gravierenden Punkt, weswegen mancher schier in den Teppich beißen will: es wimmelt dieser Tage nicht nur in Weimar von Überlebenden und Zeitzeugen der NS-Verbrechen, die an die Orte ihres Leidens und ihrer Entwürdigung zurückkehren, um zu trauern und zu gedenken. Gelegentlich kommt man sich deshalb vor, als säße man - wie in einem alten Slapstick-Film - auf einer Truhe aus dunklem Holz, in der es hörbar rumort und deren Deckel sich immer wieder unter dem Druck von innen hebt. Nur das eigene Gewicht hält die Truhe zu.

Gemeint ist natürlich die bundesdeutsche, die Thüringer und auch Weimarer Realität, welche wir nun gerade an diesem Wochenende gerne - im wahrsten Sinne - unter dem Deckel halten würden.

Erst am zurückliegenden Wochenende versammelten sich in Pößneck weit über 1000 Hardcore-Neonazis, um einem Verbrecher zu huldigen, dessen musikalische Hassbotschaften übelster rassistischer und antisemitischer Sorte als Sänger der unterdessen verbotenen Band "Landser" ihm dreieinhalb Jahre Haft eingetragen haben. Polizei und Verfassungsschutz zeigten sich völlig überfordert und waren nicht in der Lage, dieses ungeheuerliche Geschehen zu unterbinden. Aber auch sonst: Weimar bereitet sich gerade mit viel Energie auf die nächste Nazi-Parade - ausgerechnet auf dem Theaterplatz - vor. Im Internet treiben die Hitlerfans und SS-Nostalgiker ihr Unwesen und tanzen dem, was sich Zivilgesellschaft nennt im Lande, gehörig auf der Nase herum: Staatsanwaltschaften, Gerichte und Polizei - inklusive Verfassungsschutz - erweisen sich allzu oft als hilf- oder zahnlos.

Es sei daran erinnert, dass die 64 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Weimarer Zukunftskonferenz nach wie vor auf einer Nazi-Website verhöhnt und massiv bedroht werden.

Gar nicht zu reden vom Massenaufmarsch Rechtsextremer in Dresden, dem unerträglichen Gebaren der Rechtsextremen in deutschen Landtagen, den unzähligen peinvollen rechtsextremen Anti-Hartz-Demos oder von den konspirativen Treffen militanter Rechtsextremer etwa am Osterwochenende in Tschechien - darunter auch Kameraden aus dem Weimarer Land.

Und natürlich auch ganz zu schweigen vom in der Masse der Bevölkerung verbreiteten und zunehmenden Antisemitismus, der Demokratie-Verdrossenheit, der Geringschätzung gegenüber Schwächeren und Hilfsbedürftigen, der offenen, knallharten Ausländerfeindlichkeit.

Man möchte sich ins Erdreich wühlen vor Scham angesichts dieser widerwärtigen Erscheinungen, möchte brüllen ob soviel unbarmherziger Dummheit und gemeiner - nennen wir sie - neovölkischer Weltanschauung.

Da können einen nur Projekte wie der Schülergedenktag am kommenden Montag, dem eigentlichen Tag der Befreiung Buchenwalds, ein wenig trösten und mit Hoffnung erfüllen. Und der Zuspruch eben jener Männer und Frauen, die das Grauen im Deutschland der NS-Zeit erlebt haben und alle Menschen ermuntern, Verantwortung zu ergreifen und mit den uns zu Gebote stehenden gewaltfreien, demokratischen Mitteln dem Ungeist der neuen Nazis entgegen zu treten: mit kämpferischem Protest, mit klaren und unmissverständlichen Worten, mit heiligem Respekt für unsere Mitmenschen und den unveräußerlichen Menschenrechten auf unserer Fahne.

(Fritz Burschel)

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