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Tonspur

Tonspur vom 17.08.2012

Get Well Soon - The Scarlet Beast O'Seven Heads -
Was war das damals für ein Aufruhr, als Get Well Soons erstes Album erschien. 2008 war das, hieß „Rest Now Weary Head, You Will Get Well Soon“, und die Presse ergoss sich in Lobeshymnen. Ich las davon zum ersten mal im französischen Kultur- und Politikmagazin “Les Inrockuptibles”, und die waren nicht die einzigen, die sich wunderten: hinter Get Well Soon stecken nämlich keine Kanadier oder auch Briten, wie der Klang vermuten lassen könnte, sondern Konstantin Gropper aus... Schwaben!
Da wurde auch schon mal der Begriff „Wunderkind“ bemüht, und irgendwie klang das alles auch gar nicht so nach Popakademie Mannheim, wo Gropper zeitweise studierte, sondern bisweilen eher nach Musikhochschule. Üppige Instrumentierungen und Songstrukturen, Bläser und Streicher, und über allem Konstantin Groppers düster-tiefe Stimme, die jedem Ton eine irgendwie depressive Dramatik verleihen konnte.
Seien wir ganz ehrlich: ich schnappte mir damals als unbedarfte Schülerin zwar den undüstersten Song der Platte zum Untermalen eines peinlichen Videoprojekts, mit Handpuppen übrigens, aber den Rest der Platte habe ich nie geschafft in einem Stück zu hören. Zu düster damals für meine sonnige Seele, eher was für nachts und für den Keller und in Maßen zu genießen. Ein paar der Songs haben mich dennoch seitdem begleitet und sind mir ans Herz gewachsen, aber die nächste Platte, „Vexations“, ist irgendwie völlig an mir vorbei gegangen.
Egal, denn hier ist nun das neueste Werk von Get Well Soon mit dem knackigen Titel „The Scarlet Beast O' Seven Heads“ und wird von Gropper selbst als seine Sommerplatte bezeichnet. Diese Worte sollte man aus seinem Munde vielleicht mit Vorsicht genießen, das klingt natürlich immer noch nicht wie Bailando oder Macarena oder so, aber das ist wahrscheinlich auch gut so.
Dennoch, große Neuerungen: da ist ein neues Schwerkraftsverhältnis. Bisher hatten mich Get Well Soon eigentlich immer träge und brutal auf den Boden und tief darunter gezogen, ins Düstere, natürlich auf wunderbare Art und Weise. Und jetzt? Tanzen möchte ich immer noch nicht, aber da sind sie, die euphorischen Momente, fast schon beschwingt und ausgelassen. Momente, die lächeln lassen vor Schönheit, die diesmal nicht immer erhaben sein muss, und andere, die lächeln lassen weil sie, nun ja, irgendwie witzig sind.
Ich glaubte es selber kaum, aber mit der neuen Get Well Soon-Platte kann man Spaß haben. Wirklich. Und wenn man sich erstmal nur mit den Songtiteln beschäftigt, da geht es nämlich schon los: Zitate, Referenzen, alles ist dabei. Es geht um Italien und Filmmusik, der Weltuntergang laut Maya-Kalender ist ebenso am Start, und die Single „Roland, I Feel You“, hier auch schon öfters im Programm zu hören gewesen, huldigt Regisseur und Produzent Roland Emmerich. Wer hier thematisch weiter wühlen möchte, wird sicher seine Freude haben und sollte das Textbüchlein stets zur Hand haben.
Musikalisch klingt tatsächlich ebenso viel nach Film. Aber ein alter Film sollte es sein: am besten schwarzweiß und schön melodramatisch. Wobei dann zum Beispiel „The Kids Today“ die Elektronik anpackt und ein paar Roboter tanzen lassen könnte. Tanzen? Moment! Doch, wir sind immer noch bei Get Well Soon. Aber weiterhin kein Bailando.
Sondern fast schon Zirkusartiges in „Disney“, was man sich tatsächlich auch in einem Themenpark vorstellen kann, in dem Gropper sein morbides Schauspiel zur Freude aller zeigt. Und dann gibt es noch den letzten Song, der auf wundervollste Weise an Arcade Fire erinnert, die wir ja eh schon viel zu lange vermissen müssen: es gibt diesen schönen stampfenden Beat, der irgendwie marschiert, aber für die gute Sache, und natürlich auch den passenden euphorisch-gruseligen Frauenchor.
Weiterhin ist das alles opulent instrumentiert und sehr komplex, und weinen kann man sicherlich auch weiterhin wunderbar zu Get Well Soon. Aber eben nicht nur: irgendwie ist da auch mehr Pop dabei als vorher. Und wer das nicht glaubt, der möge jetzt zuhören: mein liebster Song der Platte ist nämlich einfach nur schön und erhebend, und eben lupenreiner Pop.
Kurzes Fazit: Get Well Soon sind immer noch ein wenig seltsam, zugänglicher denn je ohne platt zu sein und damit nun auch als potenzielles Weihnachtsgeschenk geeignet. Hier aber erstmal: Get Well Soon mit „A Gallows“.

(Laura Eigbrecht)

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