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Hörbuchrezension

Hörbuchrezension vom 18.09.2012

Olga Grjasnowa - Der Russe ist einer, der Birken liebt - gelesen von Julia Nachtmann, erschienen bei HörbucHHamburg, 5 CDs, ca. 375 Minuten, ISBN: 978-3-89903-364-9, Preis: ca. 15 Euro, Buch bei Carl Hanser Verlag für 18,90 Euro

Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: dieses Hörbuch ist eines, welches mich bei all den in diesem Jahr gehörten, am stärksten beeindruckt hat.

Olga Grjasnowa erzählt in diesem Roman die Geschichte einer höchst eigenwilligen Frau. Eine junge Frau, die keine Grenzen kennt. Mascha ist Jüdin, Aserbaidschanerin, Russin, Deutsche. Ihre Welt ist eine, in der alle Kulturen und alle Traditionen zusammenkommen. Sie ist immer verliebt, immer auf dem Sprung, immer auf der Flucht. Sie könnte überall leben, doch irgendwie kann sie es auch nicht.
Mascha ist Übersetzerin, Fremdsprachenbegabt. Zunächst in Deutschland lebend, verliert sie ihren Feund Elisia, der nach einem Beinbruch bei einem Fußballspiel an einer Blutvergiftung stirbt. Auf diese Art entwurzelt nimmt sie eine Arbeit als Übersetzerin bei einer NGO in Israel an und lernt somit ein weiteres Stück Welt mit all seinen Problemen kennen.

Nun sollte niemand denken, aha, die Arbeit in der Nichtregierungsorganisation erhellt Mascha Sicht auf die Welt. Weit gefehlt. Einen Ansporn dazu braucht sie nicht. Sie hat in Aserbaidschan den Bürgerkrieg zwischen Aserbaidschanern und Armeniern erlebt, wurde als Kind in Deutschland stets als Migrationskind (sie hasst dieses politisch korrekte Wort) behandelt, sie übersetzte für hochoffizielle UN-Missionen der fragwürdigsten Politiker und ist dazu als arabisch sprechende Jüdin sensibilisiert.
In Israel angekommen wird zunächst ihr Laptop „erschossen“, zerstört durch übervorsichtige israelische Zoll-Polizisten. Permanent lassen sie die Begegnungen mit den Menschen in den besetzten Gebieten, mit Israelis, die eben dort ihren Militärdienst geleistet haben, mit emigrierten Russen und mit flanierenden Amerikanern die unterschiedlichsten Weltsichten erleben. Und wo steht sie bei alledem? Eine Heimat braucht sie nicht, meint sie, wünscht sich aber vor allem eines: Ruhe und einen Ort um zu trauern, um Elisia, um Palästina, um ihre jüdischen Ahnen.

Olga Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, wuchs im Kaukasus auf, lebte einige Zeit in Polen, in Russland, in Israel und hat schließlich am Leipziger Literaturinstitut studiert. Derzeit lebt sie in Berlin. Ihr ist ein grandioser Roman gelungen, ein Roman, der das Kernproblem vieler junger Menschen berühren dürfte: die Ruhelosigkeit, die Suche nach einem Ort, von dem es sich lohnt, einen Beitrag für die Welt zu leisten. Und sie stellt die Frage nach dem Sinn der Radikalität. Lohnt es sich, andere aufgrund ihrer Religion, Nationalität, Herkunft, sozialen Stellung oder politischen Denkweise in Frage zu stellen? Haben nicht alle irgendwo auch Recht, liegen nicht alle auch irgendwie daneben?

Die Autorin ist jung, wie die Protagonistin Mascha, übrigens vollkommen passend und wunderbar distanziert in Szene gesetzt durch Julia Nachtmann, die dieses Buch liest, die Autorin ist jung und ist zu hoffen, dass dieses Werk in Zukunft von ihr selbst nicht unerreicht bleibt – dann hat die Literaturwelt wieder einen Stern gewonnen.

„Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist kein Unterhaltungsroman, beileibe nicht. Einzig fehlt mir darin ein Fünkchen Hoffnung, Hoffnung, dass mit dieser Welt doch noch alles gut wird. Aber vielleicht ist gerade dieses Manko der Hinweis auf das Notwendige.

(Shanghai Drenger)

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