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Kommentar

Kommentar vom 20.04.2005

Papst Benedikt XVI. - Kardinal Josef Ratzinger wurde vor dem Konklave, vor der Wahl des neuen Papstes eher als Königsmacher denn als Favorit gehandelt. Er stand nicht gern im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Mit seiner stillen Anwesenheit verwies er auf eine höhere Autorität, auf den, der das Petrusamt innehatte: auf den Papst.
Während die Ereignisse der letzten Wochen viele in Aufregung versetzten, ließ der deutsche Kardinal sich nicht aus der Ruhe bringen. Er verfügt über eine innere Distanz und Gelassenheit, die es ihm erlauben, den Gesamtüberblick zu behalten und sich nicht in Einzelinteressen zu verlieren.
Dennoch hat sich Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation, als „Großinquisitor“ gewissermaßen, nicht nur Freunde gemacht. Er hat in Missstände innerhalb der katholischen Kirche eingegriffen, hat ermahnt und auch verurteilt. Grundlage dafür ist seine klare Sicht in theologischen Fragen.
Sein Wappenspruch, den er schon als Kardinal geführt hat, heißt: Mitarbeiter der Wahrheit. Der Spruch stammt aus der Bibel und heißt vollständig: Damit auch wir Mitarbeiter der Wahrheit werden. Die Verpflichtung zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit hat Kardinal Ratzinger ganz sicher auch im Hinterkopf gehabt, als er vor einiger Zeit die geheimen Archive der Inquisition öffnete und der historischen Forschung zugänglich machte.
Manche haben ihn als „Chefdenker der katholischen Kirche“ bezeichnet. Dabei scheint er das Wort beherzigt zu haben: Wer Menschen führen will, muss einen halben Schritt hinter ihnen gehen.
Dieses Leben „einen halben Schritt“ hinter dem Höchsten, dieses Arbeiten und Entscheiden aus der zweiten Reihe heraus ist nun vorbei.
Aus Kardinal Josef Ratzinger ist gestern Papst Benedikt XVI. geworden.
Der ehemalige Kardinal und heutige Papst hat sich vor vielen Jahren einmal geäußert zu seiner Sicht des Petrusamtes, zu seiner Sicht auf das Amt und das Selbstverständnis eines Papstes. Vieles aus dieser Betrachtung verbindet sich dabei mit dem Blick auf den Vater des abendländischen Mönchtums, den hl. Benedikt, dessen Namen sich der neue Papst gewählt hat.
Der neue Papst spricht im Hinblick auf das Amt des Kirchenoberhauptes von einem „Vorsitzenden in der Liebe“. Ein Glauben ohne Liebe wäre nicht mehr der Glaube Jesu Christi. Das gleiche wird vom Mönchsvater Benedikt gesagt: Seine Suche nach Gott ist geprägt vom Horchen auf die Liebe Gottes.
Der frühere Kardinal spricht von der landläufigen Meinung: Wo Liebe ist, braucht keine Ordnung mehr zu herrschen, denn aus der Liebe heraus versteht sich alles von selbst. Liebe und Ordnung scheinen Gegensätze zu sein. Aber menschliche Spielregeln sind etwas anderes als Gitterstäbe, die man vor Raubtiere setzt, damit sie in Schranken gehalten werden. Liebe und Ordnung weisen hin auf die Achtung der Menschen voreinander.
Und auch der hl. Benedikt suchte nach einem gemeinsamen Maß für alle. Er fand es in der Liebe und Achtung zu den Menschen.
Ich glaube, dass Papst Benedikt XVI. genau weiß, dass Geradlinigkeit wichtig ist im Leben eines Menschen. Je mehr wir in unserer Gesellschaft viele Möglichkeiten vor uns haben, je weniger ein äußerer Rahmen uns Halt gibt, desto mehr brauchen wir freiwillige Bindungen. Keine organisatorische Tüchtigkeit, kein perfektes Management kann die Einheit der Weltkirche bewahren. Sie muss aus dem Glauben an Jesus Christus leben.
Und auch hier ist der Name ‚Benedikt’ Programm: Alle beide - sowohl der Mönch Benedikt als auch der Papst Benedikt sind geprägt von einer tiefen Frömmigkeit, von einer großen Liebe zu Gott.
Der Papst als Vorsitzender in der Liebe. Wer liebt, trägt Sorge für die, die ihm anvertraut sind. Das heißt freilich auch, dass nicht lieben kann, wer den Schmerz als etwas ansieht, das man abschaffen oder jedenfalls anderen überlassen sollte. Schmerzhaftes wird der neue Papst sicher nicht einfach wegwischen sondern eher aushalten und - so hoffe ich - die Diskussion darüber wieder verstärkt zulassen: Wie steht es um die Einstellung der katholischen Kirche zu alle anderen Konfessionen und Religionen; die Rolle der Frauen auch in Leitungsfunktionen innerhalb der Kirche; die Eigenverantwortung der Kirche in den einzelnen Ländern gegenüber der zentralen Leitung in Rom? Die Katholische Kirche steht nicht für sich allein, sie muss aufbrechen und über den eigenen Tellerrand schauen.
Kardinal Josef Ratzinger hat im Kulturstadtjahr 1999 in der Katholischen Herz-Jesu-Kirche in Weimar einen Gottesdienst gefeiert. Die vergangenen Jahre in Rom haben ihn zu einem ausgewiesenen Europäer gemacht. Die Wahl zum Papst verpflichtet ihn, für alle Katholiken Vorsitzender in der Liebe zu sein. Dieser Vorsitz in der Liebe ist ein Thron, der der harte Stuhl eines Dienenden sein wird.
Benedikt XVI. tritt sein Amt mit 78 Jahren an - damit ist er 20 Jahre älter als sein Vorgänger bei der Amtsübernahme. Ein Übergangspapst? Eine Verlegenheitslösung, um Zeit zu gewinnen? Ich erhoffe mir von diesem Papst, dass unter seinem Pontifikat Fenster und Türen in der Kirche weit geöffnet werden, damit zum einen frischer Wind hereinweht, gute Ideen reifen und umgesetzt werden und zum anderen die Menschen einen Raum finden, in dem sie Liebe und Achtung erfahren können.

(Christine Herzog)

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