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Kommentar

Kommentar vom 10.05.2005

Wissen in Flammen - Bücherverbrennungen sind keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Sie haben die Geschichte der Bibliotheken seit ihrer Entstehung auf erschreckende Art begleitet: von Alexandria bis Katalonien, von der chinesischen Qin-Dynastie bis zur Auflösung der englischen Klöster. Doch stand das 19. Jahrhundert im Zeichen der Errichtung von Bibliotheken, so stand das 20. Jahrhundert im Zeichen einer ungeahnten und bis dahin unbekannten Zerstörung. Im Zusammenhang mit den Bücherverbrennungen im ersten Weltkrieg und im zweiten, insbesondere jedoch mit den Bücherverbrennungen, die mit dem Datum 10. Mai 1933 für immer verbunden sind, wird oft Heine zitiert:
Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
Heine bezog sich dabei auf das Verbrennen von Büchern im Spanien und Portugal des 15. Jahrhunderts.

Im letzten Jahrhundert wurde deutlich, dass das Vernichten von Büchern und das Niederbrennen von Bibliotheken Herrschaftsformen einer totalen Ideologie und eines totalen Krieges wurden, in denen das Verbrennen nicht die einzige Methode blieb, um Wissen, um Bücher, um Bibliotheken zu zerstören.

Entgegen den landläufigen Meinungen hat Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister und künftiger Vorsitzender der Reichskulturkammer diese Autodafes, also das öffentliche Zusammentragen und Verbrennen der Bücher in einer Art Weihe- und Freudenfeuer nicht selbst angeordnet. Die Razzien und das Verbrennen auf Scheiterhaufen waren im Grunde das Werk pronazistischer Studentengruppen, der Deutschen Studentenschaft in Zusammenarbeit mit Buchhändlern und professionellen Bibliothekaren. Es waren Bibliothekare, die die populäre Belletristik der öffentlichen Leihbüchereien als „literarische Bordelle“ anprangerten. Dieser Kreis „säuberte“ die eigenen Studenten- und Schulbibliotheken, die Buchhandlungen und eben jene Leihbüchereien.
Hermann Weisheit lieferte ihnen dazu eine ausgewählte Liste ihres „Brennstoffes“, die verfehmte und unter Verfolgung geratene Autoren enthielt. Vor allem führende Autoren der Weimarer Republik, demokratisch gesinnte, liberale, freigeistige, sozial engagierte und auch linke Autoren fanden sich in diesem Verzeichnis. In ihrem Eifer und ihrer Entschlossenheit nahmen die Studenten so viele Bücher als möglich an sich, von Heine bis zu Heinrich Mann und anderen, egal, ob sie auf der Liste standen oder nicht.
Dabei knüpften die Initiatoren an frühere Ereignisse an, etwa die Autodafes der spanischen Inquisition, Luthers Verbrennung der päpstlichen Bannandrohungsbulle und die Verbrennung des Versailler Vertrags durch Nazi-Studenten im Jahre 1929.
Die neun Feuersprüche genannten Beschwörungsformeln verliehen der Prozedur einen quasi-religiösen Anstrich.
Aufgerufen wurden die Namen von Marx und Kautzky, Heinrich Mann, Ernst Glaser und Erich Kästner, von Sigmund Freud und Emil Ludwig, von Theodor Wolff und Georg Bernhard, Alfred Kerr und E.M. Remarque sowie von Tucholsky und Carl von Ossietzky.
Verbrannt wurde im Namen einer Ideologie Schriften der so genannten „Dekadenz und des moralischen Zerfalls, materialistische und klassenkämpferische Werke, Schriften der seelenzerfasernden Überschätzung des Trieblebens, Publikationen, die die deutsche Geschichte verfälscht und herabgewürdigt hätten, volksfremder Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, Bücher, die literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges begangen und die dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache propagiert hätten“.

Die Verbrennung dieser u. a. Werke auf dem Opernplatz in Berlin leitete jene dreißig weiteren an Universitäten in Deutschland im Frühjahr 1933 ein, die wir heute als DIE Bücherverbrennung bezeichnen.
Am Ende des Jahres 1933 hatte die Zensur weit größere Ausmaße angenommen. Mehr als eintausend Bücher waren auf den Index gesetzt, schon ein Jahr später waren es 4 100 verbotene Publikationen.
Im Verlauf der kommenden 12 Jahre bis 1945 sollten – einer Schätzung zufolge – einhundert Millionen Bücher in Deutschland wie auch in den besetzten Gebieten in Flammen aufgehen.

In Thüringen hatte der vorauseilende gehorsam unter der frühen nationalsozialistischen Regierung bereits vor 1933 mit „Säuberungsaktionen“ in Weimars Schloßmuseum und Zensurmaßnahmen gegen Filmaufführungen das Klima für frühzeitige Eingriffe in das öffentliche Bibliothekswesen der Gemeinden vorbereitet.
Im Prozeß der Sekretierung „unerwünschter“ Literatur aus den eigenen Beständen hat es offensichtlich an der Universitätsbibliothek Jena einen Vorgang gegeben, nachdem die Bibliothekare in einer freiwilligen und gezielten Aktion im Oktober 1934 Bestände nicht nur sekretiert, also für die Benutzung gesperrt, sondern auch vernichtet haben. Ein für die wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland wohl einmaliger Vorgang.
1934 war es in Niedergrunstedt zu einer Bücherverbrennung gekommen.
Die Liste der zerstörten Bibliotheken im 20. Jahrhundert ist erschreckend lang, denn bis heute brennen, wo Bücher gelesen werden, auch Bibliotheken. Wie aktuell die Beschäftigung mit dem Phänomen Bücherverbrennung sein müsste, sollen zwei Beispiele zeigen:
1981 steckten singhalesische Nationalisten die Tamilen-Bibliothek von Jaffna auf Sri Lanka in Brand, eine Art lebendes Testament der multiethnischen, ökumenischen Gesellschaft Sri Lankas.
Auf die bosnische National- und Universitätsbibliothek in Sarajevo wurde in der Nacht zum 25. August 1992 das Feuer eröffnet. Soldaten auf den Hügeln feuerten Maschinengewehre und Flugzeugabwehrgeschosse ab, die anrückenden Feuerwehren gerieten unter Beschuß, zahlreiche Menschen starben bei dem Versuch, Bücher zu retten. Mehrere Millionen Bücher wurden bei dem Angriff und durch den Brand vernichtet.

Die Zerstörung von Bibliotheken, die Vernichtung von Büchern ist ein barbarischer Akt von Meinungsäußerung und bis heute der lebendige Beweis dafür, dass Wissen Macht bedeutet.

(Roland Bärwinkel)

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