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Neulich im Netzwerk

Neulich im Netzwerk vom 08.01.2013

Mentiologie – die Lehre vom Lügen - Selten wird so viel gelogen wie im Januar. Da gibt es die einfachen Lügen: Gute Vorsätze. Schon, wenn man sie ausspricht, weiß man eigentlich, dass es wieder nichts wird. Oder das Drücken und Küssen auf der Silvester-Party: Im wirklichen Leben wäre diese Vertraulichkeit, Intimität schon fast, den meisten zu viel. Dann haben wir die Neujahrsgrüße. Was da auf Papier oder per Mail durch die Republik gelogen wird, ist unfassbar! Wem man da alles ein gutes 2013 wünscht! Der Konkurrent kriegt Wünsche für Erfolg, Glück und Gesundheit wünscht man Leuten, die man überhaupt nicht mag, nur weil sie eben auf der Liste derer stehen, die Karten kriegen müssen. Weil sie sonst sauer sind, weil sonst der nächste Auftrag nicht kommt, weil es sonst politische oder zwischenmenschliche Konflikte gibt. Jeder, der einem begegnet im Januar, bekommt ebenso viele gute Wünsche wie man selber. Da wird gefragt: „Wie geht’s? Wie hat das Neue Jahr begonnen? Wie war Weihnachten?“ Aber eigentlich will keiner die Antworten wissen und entsprechend banal sind sie dann meist. Und dann die Leute, die man vergessen hat im Karten-Wahn. Wenn sie sich beschweren, wird versichert: „Ich hab die Karte abgeschickt. Schon längst! Muss im Weihnachtstrubel untergegangen sein.“ Es geht viel unter in diesem Weihnachtstrubel. Hausarbeiten, Projektskizzen, Texte – alles, was eigentlich noch im Dezember fertig gestellt werden sollte. Alles untergegangen. „Nee, das hab ich dir wirklich gemailt. Am 24. noch. Muss untergegangen sein. Aber ich schicks dir gerne noch mal.“ Klar. Inzwischen ist es ja auch fertig. Etwas komplizierter wird es mit den Krankheiten. Zurzeit sieht man viele junge Menschen an Krücken. Mit Schienen oder Gips am Bein. „Ach, du Arme! Ski-Unfall? Wie lange musst du denn jetzt aussetzen? Gute Besserung!“ Meint aber eigentlich: „Wie lange muss ich jetzt deine Arbeit mit machen? Wieso fährst du in den Ski-Urlaub, wenn du es nicht kannst? Ich konnte mir das dieses Jahr nicht leisten. Und dann steigen wieder die Krankenkassen-Beiträge. Und dann will die auch noch Mitleid!“ Psychologen gehen davon aus, dass Lügen lebensnotwendig sind, denn sie dienen dazu, das Selbstwertgefühl zu erhöhen und auch das Miteinander mit anderen Menschen erleichtern. Es gibt aber auch krankhafte LügnerInnen. Die nennt man übrigens Pseudologen. Über die Anzahl der Pseudologen gibt es keine verlässlichen Zahlen, unter anderem auch deshalb, da die Pseudologia Fantastica in der internationalen Klassifikation der Krankheiten nicht als Einzelphänomen verzeichnet ist. Sie ist ein Syndrom, das unter die narzisstische Persönlichkeitsstörung fällt. Allerdings ist nicht jeder, der lügt, ist schon ein Pseudologe, denn Selbstwertkrisen kennt jeder und neigt daher auch mal dazu, sein Leben ein wenig schöner und spannender zu sehen, als es wirklich ist. Frauen lügen übrigens eher aus sozialen Gründen, etwa wenn es um ihre Gefühle geht, während Männer dagegen eher für sich selbst lügen, etwa um sich in einem besseren Licht darzustellen.
Die Bereitschaft zum Lügen nimmt mit dem Lebensalter zu, denn während in Experimenten unter Zweijährigen mit rund zwanzig Prozent noch relativ wenige von einer Lüge Gebrauch machen, sind es bei Dreijährigen bereits fünfzig Prozent und bei Vierjährigen neunzig Prozent. Im Alter von zwölf Jahren lügen annähernd 100 Prozent der Kinder, was weder durch strenge Erziehung noch durch die religiöse Prägung der Eltern zu verhindern ist. Der Anteil der Lügner ist aber bei 16-Jährigen wieder rückläufig, wobei hier verstärkt die Unwahrheit gesagt wird, um andere nicht zu verletzen. In den 70er Jahren hat der amerikanische Psychologe John Frazer Alltagsgespräche analysiert und die bis heute nicht unumstrittene These aufgestellt, dass Menschen etwa zweihundertmal am Tag lügen. Kleine Lügen bzw. "selektive Informationsangaben" gehören also zum alltäglichen Miteinanderumgehen: Man setzt häufig kleine Lügen ein, um jemanden nicht zu kränken, um komplizierte Auseinandersetzungen und Erklärungen zu umgehen. Häufig wird dadurch niemand so recht benachteiligt. Wollen wir es dabei belassen? Wenn nicht, probieren Sie doch mal, einen Tag ohne Notlügen und Höflichkeitsfloskeln durchzuhalten. Ich bin sicher, das wird ihnen nicht gelingen.

(Grit Hasselmann)

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